14. März 2009

HOCHSCHULRADIO

Früh im Rausch

Ein Morgen beim Kölner Hochschulradio

Von Alexandra Spürk

Draußen ist es noch dunkel und heftiger Regen fällt auf Köln. Um 7 Uhr morgens steht im Dachgeschoss eines Wohnhauses eine Tür offen. Dahinter ein enger Flur, auf dessen Wänden hinter Postern, Fotos und Zeitungsartikeln eine Tapete zu erahnen ist. Mehrere Stimmen sind vom Ende des Flurs zu hören. Dort liegt ein kleines Zimmer mit Dachschräge, einem schwedischen Sofa, einem Whiteboard voller Notizen und magnet-befestigten Zetteln, sowie zwei PCs. Da sage noch jemand, Studenten seien keine Frühaufsteher: Hier tummeln sich gleich fünf von Ihnen.

An der Uni hat die früheste Vorlesung noch nicht begonnen, wenn im Studio des Hochschulradios „Kölncampus“ schon die Vorbereitungen für den „Frührausch“, das tägliche Morgenmagazin, laufen. Drei Stunden lang, von 8 bis 11 Uhr, produziert das Team live ein Programm, mit dem ihre Kommilitonen aus dem Bett kommen sollen – oder eben nicht.

Auf dem schwarzen Sofa sitzt Anna Steimann im bunten Ringelpulli. Sie hält einen handgeschrieben Zettel und liest noch einmal kritisch nach, was sie gestern schon formuliert hat. Anna ist in der zweiten Woche der insgesamt zwölfwöchigen Grundausbildung, die Kölncampus den Studenten der Kölner Hochschulen anbietet. Ein Kommilitone hat sie auf die Ausbildung aufmerksam gemacht. Letzte Woche war Anna Hörassistent und durfte Lob und Kritik über die gelaufene Sendung äußern. Diese Woche hat sie schon ihre erste Sprechaufgabe. Sie wird die „Mensa-Tipps“ lesen, um die Hörer auf das Mittagessen vorzubereiten. Ein Vorgänger von ihr formulierte einmal: „Wenn der Gang in die Mensa ein kulinarisches Glücksspiel ist, dann könnt ihr heute nur gewinnen“. Auf solche Sprachbilder hat Anna bewusst verzichtet: „Es sind nur die Mensa-Tipps und nicht mehr“. Aufgeregt ist sie nicht.

In der Mitte des Raumes sitzen Torben Beckmann und Christina Ninova mit einem MP3-Aufnahmegerät. Kölncampus-Azubi Christina ist heute für die Umfrage zuständig. Sport-Student Torben ist in der vorletzten Ausbildungswoche. Er kennt die Funktionen des Geräts schon und gibt sein Wissen an Christina weiter. Anschließend macht sich Christina auf den Weg zum Uni-Hauptgebäude. Den dort verschlafen eintrudelnden Kommilitonen wird sie das große gelbe Mikro unter die Nase halten und fragen „Wann wirst Du rot?“.

Fehler gehören dazu. Aber auch Spontaneität und Hilfsbereitschaft.

Bis die Umfrage gesendet werden soll, sind es noch 2,5 Stunden – viel Zeit, aber nicht um einen Radiobeitrag zu produzieren.

Auf das Whiteboard ist der Sendungsablauf geschrieben. Moderator David von Galen tigert zwischen Studio und Redaktionsraum hin und her, richtet da die Studiotechnik ein, prägt sich hier den Ablauf ein. Das Studio ist ein Selbstfahrer-Studio: der Moderator bedient während der Sendung die Technik selbst. „Das ist kein Problem“ sagt David souverän. Er ist schon seit zwei Jahren bei Kölncampus aktiv.

Punkt 8 Uhr startet er den Frührausch mit einem Jingle, der Zeitansage und kündigt einen Beitrag über eine Erstsemester-Studentin an. Dann spielt er Musik ein, kommt zurück in den Redaktionsraum und schält sich eine Mandarine. „Du hast falsch angeteased.“ sagt Athene Pi Permantier, die heutige Chefin vom Dienst. Teasen, das heißt ankündigen. Und tatsächlich: Auf dem Whiteboard steht: der Beitrag ist erst in einer halben Stunde dran. „Ach, scheiße…“ sagt David und fügt hinzu „…egal“.

Fehler gehören bei Kölncampus dazu. Aber auch Spontaneität und Hilfsbereitschaft: Kurz nach Sendungsbeginn kommt Nicolas Mezou ins Studio. Er ist in der letzten Ausbildungswoche und heute wird sein BmO (Beitrag mit Originalton) gesendet. Der Beitrag ist schon fertig und Nicolas könnte sich zurücklehnen. Doch da heute ein anderer Azubi ausgefallen ist, übernimmt er spontan das Lesen der Nachrichten. Einmal geht ihm mitten im Satz die Luft aus: „…egal“.

Anna hat sich währenddessen in die kleine Küche der Dachwohnung begeben. Untermalt vom Gluckern der Kaffeemaschine liest sie Athene ihre Mensa-Tipps vor. Als Chefin vom Dienst nimmt Athene alle Texte, die über den Sender gehen, ab und hat außerdem noch den ein oder anderen Tipp für den Kölncampus-Nachwuchs.

Athene hat vor zwei Jahren die Ausbildung bei Kölncampus durchlaufen. In der Zwischenzeit hat sie zwei Semester in Chile studiert. „Aber ich war kaum drei Tage zurück, da habe ich hier wieder mitgemacht“ sagt sie. Sie findet toll, wie motiviert die Kölncampus-Mitarbeiter sind: „Hier bekommt keiner einen Cent und trotzdem stehen sie morgens um 7 auf der Matte“. Athene zehrt von dem ehrenamtlichen Engagement, das sie neben ihrem Studium der Sozialwissenschaften leistet: „Wenn ich vormittags hier rausgehe, um meine Vorlesungen zu besuchen, habe ich schon das Gefühl an diesem Tag etwas geleistet und gelernt zu haben“. Haben ausnahmslos alle Beteiligten so viel Spaß an Kölncampus? „Nein, aber der Großteil. Man merkt schnell, wer nach der Grundausbildung hier bleibt und wer nicht. Aber das ist OK. Für alle wäre auch kein Platz.“

„Hier bekommt keiner einen Cent und trotzdem stehen sie morgens um 7 auf der Matte.“

Als CvD und regelmäßige „Frührausch“-Moderatorin nimmt Athene auch an den Wochenkonferenzen teil. Dabei werden für eine Woche im Voraus die Sendungsthemen festgelegt. „Donnerstag und Freitag lassen wir noch Platz für ein tagesaktuelles Thema“.

Was hat sich in den letzten Jahren bei Kölncampus verändert? „Vieles“ sagt Athene: Die Ausstattung des Studios hat sich verbessert. Es gibt eine online-Redaktion und ein professionelles Webportal in dem Sendungsabläufe gespeichert werden. Eine zweite Ausbildungsschiene mit „off air“-Aufgaben ist geplant. und derzeit entsteht ein zweites Studio, um auch während live-Sendungen vorproduzieren zu können. Darüber hinaus wurde das Programmschema neu strukturiert. „Das machen auch kommerzielle Radiosender alle paar Jahre“, sagt Moderator David, „zur Abwechslung und auch, weil es immer noch etwas zu verbessern gibt“.

Es gibt frische Jingles, wie etwa das laszive „Im Bett mit Kölncampus“, und mittlerweile auch mehr BmOs. „Früher haben wir fast nur Interviews gemacht“ erzählt David, „aber das haben wir aufgelockert“.

Erster Gesprächspartner an diesem Morgen ist Torben, der im Rahmen seiner Ausbildung heute Sendungsassistent ist. Mit David wird er ein Kollegengespräch über das 25jährige Bestehen der Zeitschrift „Unicum“ führen. Torben hat sich über das Jubiläum informiert und David befragt ihn dazu mit gespielter Ahnungslosigkeit. Obwohl David seine Moderationen sonst frei spricht, geht es bei so einem Gespräch mit vielen Fakten nicht ohne doppelten Boden. Er und Torben haben ihre Texte vorformuliert und stehen mit Handzetteln im Studio. „Wenn der Assistent gut ist, hört man nicht, dass vieles abgelesen wird“ sagt David und Torben erweist sich als solch ein guter Assistent. Er schaut David beim Sprechen immer wieder an, beide gestikulieren viel. Was der Hörer davon merkt, ist eine abwechslungsreiche Betonung und lockere Gesprächsatmosphäre.

Mittlerweile ist Christina zurück und hat sich im Durchgangszimmer zwischen Studio und Redaktionsraum an einen Schnittplatz gesetzt. Ihre Umfrage soll ein Telefoninterview einleiten, bei dem es um Forschungsergebnisse der Uni Dresden über das Erröten geht. „Wir brauchen viele Themen mit Hochschulbezug – das erfordert unsere Sendelizenz“ sagt David.

Besonders die Uni Köln nutzt Kölncampus gern als Sprachrohr. Pressesprecher Patrick Honecker ist mehrmals im Monat Studiogast. So auch heute. „Studenten sind die wichtigste Zielgruppe meiner Öffentlichkeitsarbeit“ sagt er und mit Kölncampus kann er sie erreichen, das weiß er. Obwohl Honecker mit guten Nachrichten kommt – an der Uni Köln soll es 50 neue Professorenstellen geben – sieht David das Interview mit ihm an diesem Morgen als größte Herausforderung. David spricht zum ersten Mal mit dem ehemaligen Deutschlandfunk-Journalisten, der in seiner jetzigen Funktion als Öffentlichkeitsarbeiter zugibt: „wenn ich drei Minuten Sendezeit habe, will ich die auch möglichst allein mit Wort füllen“. David will trotzdem seinen Gesprächsanteil einfordern, es gelingt ihm auch und hinterher sagt er entspannt: „ein bisschen Aufregung muss immer dabei sein – ohne Adrenalin komme ich nicht aus dem Bett“.

„Eher Nischen als Mainstream.“

Als nächstes sind die Mensa-Tipps mit Anna dran. Sie hat nur zwei kleine Hänger während ihrer ersten Sprechaufgabe und ist mit sich zufrieden. „Wie war es?“ will sie gleich wissen, als sie aus dem Studio zurück in den Redaktionsraum kommt. Das Team spricht ihr ein ehrliches Lob aus.

Außer Atem betritt der nächste Gesprächspartner für David das Kölncampus-Dachgeschoss. Musikredakteur Arndt Aldenhoven hat sich verspätet und die fünf Stockwerke zum Studio im Eiltempo hinter sich gelegt. Während er noch nach Luft schnappt und gleichzeitig seine Tasche und Winterjacke ablegt, bespricht er im Studio mit David, wie die Konzerttipps präsentiert werden sollen. Sie einigen sich auf einen Dialog, Arndt drückt David mitgebrachte CDs in die Hand, David pegelt das Gast-Mikro neu ein, Arndt nimmt noch einen Schluck Wasser und schon geht es los. Arndt empfiehlt neue Hardcore, Punk und Metal-Platten und für das Wochenende das alternative Festival „ladyfest“. Er geht in seinen Empfehlungen „sehr nach eigenem Geschmack“. Im Rahmen des festen Programmschemas werden den Mitarbeitern bei Kölncampus solche Freiheiten gelassen. Meistens passt es auch zu dem, was der Hörer von Kölncampus erwartet: „eher Hinweise auf Nischen als Mainstream“ sagt David.

Die Musikauswahl läuft bei Kölncampus dementsprechend. Es wird viel Alternative und Electronica gespielt, vor allem aber ist die Musik abwechslungsreich: da findet sich auch mal ein Brel-Chanson umgeben von Hip-Hop und Punk. „Für den „Frührausch“ wird die Musik aber magazintauglich ausgesucht“ sagt David. Das heißt: etwas geschmeidiger. Trotzdem ergibt sich auch im „Frührausch“ der Kontrastreichtum, für den Kölncampus bekannt ist: Die englische Rockband Bloc Party wird ausgeblendet und Nicolas’ getragener BmO über einen Studenten der Altorientalistik wird eingespielt. Den dreiminütigen Beitrag zu erstellen war mühsam, sagt er: „Ich hatte 45 Minuten O-Töne“.

Zweieinhalb Stunden nachdem sie zur Befragung aufgebrochen ist, hat Christina ihren Beitrag fertiggestellt. Es war nicht leicht. „So früh und bei dem schlechten Wetter war wenig los an der Uni“, sagt sie, „und manche Studenten sind sogar einen Umweg gegangen, damit sie nicht an mir vorbei kommen“. Trotzdem hat Christina 40 Sekunden mit originellen Antworten auf die Frage „Wann wirst Du rot?“ zusammengestellt. Die charmanteste sicherlich: „…wenn mich ein Mädel von Kölncampus anspricht“.

Die letzten 20 Minuten „Frührausch“ sind angebrochen. Je nach Funktion im Team setzt der Feierabend ein. Anna liest ein zweites und für heute letztes Mal die Mensa-Tipps vor. Nicolas hat es sich im Redaktionsraum schon mit einer Packung Kekse gemütlich gemacht. Athene kocht für alle Kakao.

Um kurz vor 11 Uhr kommt David aus dem Studio. Der Musikschleifen-Rechner läuft, die Sendung ist vorbei. Die Nachbesprechung beginnt. Die ist wichtig, denn „daraus lernt man“ sagt Athene. Das Team bildet einen Sitzkreis im Durchgangszimmer, wo Anna auf einem Rechner die Wortbeiträge von diesem Morgen mitgeschnitten hat. Alles wird noch einmal angehört und reflektiert.

„Aircheck“ heißt das und dabei geht es respektvoll und kollegial zu: Erst wird der Beitrag angehört, dann darf reihum jeder seine Meinung äußern – sowohl Lob als auch Kritik. Jeder darf ausreden, bevor die anderen kommentieren. Als Letzter hat der Bewertete das Wort.

Anna wird gelobt für ihre Präsenz am Mikro. Sie könnte nächste Woche flotter formulieren. Muss sie aber nicht. Christina hat gutes Zeitmanagement bewiesen. Ihre Umfrage hat durch originelle Antworten gewonnen, aber einen technischen Fehler: der Beitrag war in mono. Nicolas’ BmO über Altorientalistik hat das trockene Thema gut transportiert. David hat sich vom schnellen Sprechtempo seines Studiogastes Honecker anstecken lassen, hat ihn Nicolas hört sich selbst aber sonst gut in den Griff bekommen. Das Kollegengespräch mit Torben bekommt die Ehre, im Nachmittags-Magazin „Nachdurst“ noch einmal wiederholt zu werden. „Er hat sich in der Ausbildung toll entwickelt“ sagt Athene über Torben. Er selbst will sich in Zukunft von seinen Füllwörtern trennen: „Weniger ’ja’, ’genau’ und ’also’“.

So ist Kölncampus: Nicht perfekt, aber immer auf dem Weg dahin. David schließt die Feedback-Runde: „Wir waren gut heute“.

„Garantiert nicht fehlerfrei“

Kölncampus ist Radio von Kölner Studierenden. Rund um die Uhr sendet Kölncampus aus seinem Studio, das gleich um die Ecke des Universitäts-Hauptgebäudes liegt. Nicht nur physisch, auch inhaltlich besteht Hochschulanbindung. Dafür sorgen ca. 80 ehrenamtliche Mitarbeiter, die täglich mindestens vier – werktags neun – Stunden mit redaktionellen Inhalten füllen. Hochschulthemen stehen im Mittelpunkt, aber auch darüber hinaus wird fast alles berücksichtigt, was den Kölner Studenten interessiert.

Die restliche Sendezeit füllt eine Musikauswahl, die keine Schubladen und Vorurteile kennt. Dafür wurde Kölncampus von Musikzeitschriften schon mehrfach unter die besten Radios Deutschlands gewählt.

Kölncampus ging 2002 auf Sendung. Die finanziellen Grundlagen sichert der Kölncampus Trägerverein, dem u.a. die Kölner Hochschulen angehören, sowie der Förderverein, in dem sich viele Ehemalige engagieren.

Kölncampus ist ein Ausbildungsradio. Innerhalb von zwölf Wochen können interessierte Studenten die Grundlagen des Radiomachens lernen. Schon in der zweiten Ausbildungswoche kommt der Nachwuchs „on air“ – Versprecher inklusive. Im Anschluss an die Grundausbildung kann sich jeder nach seinem Geschmack engagieren, ob als Moderator, Musikredakteur, Techniker oder in einer der vielen Spezialredaktionen. Auch die Ausbildungs-Workshops werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern gehalten. Erste Schritte bei Kölncampus haben bereits vielen Studenten den Weg in einen Medienberuf geebnet.

Kölncampus ist im Kölner Raum auf der Frequenz 100 MHz oder als Livestream unter www.koelncampus.com zu empfangen.

Mediengattung: Magazin
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja (jedoch noch nicht zum Zeitpunkt der Einreichung als Wettbewerbsbeitrag)
Medium: reportage.Komm
Wann: 02/2009

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