Auge um Auge
Der Völkermord in Ruanda ist nun bald zwölf Jahre her. Wie leben die Menschen heute in diesem kleinen zentralafrikanischen Land mit der grausamen Vergangenheit? Unser Redakteur Lukas Sabatin ist hingefahren. Und entdeckte eine Welt zwischen brennenden Hütten und Chrystal Champagner.
Von Lukas Sabatin
In dem kleinen, zarten Gesicht eines Kindes fallen die großen Augen besonders auf. Betrachtet man den Körper als ganzes, so hat ein Kind nicht nur relativ größere Augen als ein Erwachsener, sondern auch weitere Pupille. Auf diese Weise üben Kinder eine besondere Anziehungskraft auf ihre Mitmenschen aus. Ariane Umutonis große, braune Augen reichten über das gewöhnliche Kindchenschema weit hinaus. Ihre Augen wirkten zeitlos, wie eine afrikanische Wandmaske, die mit der Kehrseite an die Wand gehängt wird und den Raum mit Tiefe füllt.
Hätte sie an vier Orten gleichzeitig sein können. Sie hätte den zehnjährigen David Mugiraneza gesehen, wie er zu Tode gefoltert wurde. Sie hätte die geschwungenen Lippen von Fillette Uwase gesehen. Ein zweijähriges Mädchen, dass gegen eine Wand geschmettert wurde. Sie hätte die Benzinflecken auf dem schneeweißen Kleid der zweijährigen Aurone Kirezi gesehen, die in der Kirche von Gikondo lebendig verbrannt wurde.
Hätte sie an vier Orten gleichzeitig sein können. Das konnte sie nicht. Ein einziger reichte völlig aus.
In der Nacht vom 6. zum 7. April 1994 begann Militär, Milizen und über eine halbe Million Mittäter aus der Bevölkerung mit dem systematischen Massenmord an den Tutsi und moderaten Hutu. Auslöser war der bis heute ungeklärte Mord an dem damaligen Präsidenten Juvenal Habyarimana. Hardliner übernahmen die Macht. In 100 Tagen verloren beinahe eine Million Menschen ihr Leben. Es war der schnellste Völkermord in der Geschichte, sogar noch schneller als die Tötungsmaschinerie der Nazis. Oftmals wurden die Opfer vor der Ermordung verstümmelt. Nicht selten zwang man die Eltern mit anzusehen, wie ihren Kindern Arme und Beine abgehackt wurden. Nach einer Schätzung von Unicef wurden zwischen 250.000 und 500.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt. Oft von Männern, die wussten, dass sie HIV positiv waren.
Wenn Léopold Ruzibiza nach links blickt, so sieht er eine Bar in Form einer riesigen Kokosnuss. Davor feiern junge Reiche aus Kigali zu pumpenden HipHop Beats und international amerikanischem RnB Singsang. Auf dem staubigen Fußballplatz nebenan hat er früher mit den Nachbarskindern Fußball gespielt, danach sind sie alle im See schwimmen gegangen. Damals gab es die riesige Strandanlage mit Türsteher oder Wachposten oder beides in einer Person noch nicht. Heute steht neben der Kokosnussbar ein Käfig, in dem ein Affe kreischt.
Leopold sitzt auf der Terrasse am Lac Muhazi, dem See, an dem er geboren wurde und beobachtet das muntere Treiben. Sein gerades Gesicht wird von den kurzen, schwarzen Haaren und einem Schnurrbart eingerahmt. In der Brusttasche seines Hemdes steckt ein roter Kugelschreiber. Er hat sich bereit erklärt mit mir über den Genozid zu sprechen. Das erste Mal, dass er mit einem Europäer überhaupt darüber spricht.
Wenn er den Blick über den See zum gegenüberliegendem Ufer schweifen lässt, erblickt er den grauen Hang eines Hügels. Gesäumt von der Ruine einer Lagerhalle, deren Fenster mit Eisenstangen vergittert sind. Entgegen der wilden Partystimmung hier scheint auf dem anderen Ufer kein Mensch zu sein. Eine Totenstille. Von fern, weit über dem Hügel vernimmt er plötzlich Lärm. Erst ganz leise, dann immer lauter. Schließlich ohrenbetäubend. Reflexartig wendet er den Kopf wieder nach rechts. Ein junger, fettleibiger Afrikaner schüttet heiter Bier über das Geländer in den See. Seinen Blick zieht es zurück nach links. Zunächst lässt den Blick nur kurz zum anderen Ufer schweifen. Sind dort etwa Menschen? Jetzt sieht er ganz genau hin. Er kneift die Augen zusammen. Ja, da sind Menschen. Sie laufen panisch den Hügel hinunter. Nur wovor fliehen sie bloß? Ein lautes Klirren direkt neben seinem Ohr. Er wendet den Kopf. Ein großgewachsener betrunkener Afrikaner prostet gerade dem Affen zu, Bier schwappt in den Käfig.
Sofort wandert der Blick zurück. Dort brennen Hütten. Plötzlich. Alles brennt. Das Feuer spiegelt sich in der Tiefe des Sees. Der ganze Hügel scheint in Flammen aufzugehen. Jetzt sieht er auch wovor die Leute geflohen sind. Eine Menschenmenge stürmt durch die Hütten, die vom Feuer verschlungen werden. In ihren Händen glänzen Macheten. Der treibende Beat wird immer lauter, eine röhrende Stimme rappt über das Leben auf den Straßen New Yorks und Chrystal Champagner. Nur wenige hundert Meter auf der anderen Seite Schreie. Die Menschenmenge hat die Flüchtenden eingeholt. Ihre Macheten schlagen in die Körper. Immer wieder und wieder. Wie einen Stock, der solange gegen Stein geschlagen wird, bis er zerbarst. Aber die Macheten zerbarsten nicht, sie versenken sich mit irrem Tempo immer und immer wieder in die gefallenen Körper, die nur noch als blutige Masse zu erkennen sind. Todesschreie. Es stinkt nach verbranntem Fleisch. Flammen überall.
Leopold schüttelt sich die Bilder aus dem Kopf. Er sitzt noch immer auf der Terrasse am See. Hier und Jetzt. Trotzdem lebt er in zwei verschiedenen Welten.
„Manchmal kann man einfach nicht verstehen.“ In dieser anderen Welt wurden Freunde zu Mördern. Menschen dafür getötet, dass sie nicht morden wollten. In eine Welt, in der die anderen in ihm jemanden sahen, der nicht leben sollte.
Es begann bereits 1990, dass er in der Schule ausgegrenzt wurde. In der weiterführenden Schulen Ruandas wohnen die Schüler auch in den Schlafsälen neben dem eigentlichen Schulgebäude, sodass er rund um die Uhr zu spüren bekam, dass er nicht dazugehörte.
„Ich fühlte mich nicht mehr sicher.“ Man hörte und sah bereits wie die Polizei einzeln Tutsi festnahm und folterte. „In der Nacht dachte ich, morgen wirst du tot sein. Am Morgen dachte ich, in dieser Nacht wirst du sterben.“
Schließlich floh er zu seinen Eltern, die eine kleine Viehzucht an ebendiesem Lac Muhazi besaßen, an dem er jetzt sitzt und die Party nebenan verfolgt. Er zeigt in die Richtung des Hauses der Eltern, wenige Meter von der Terrasse am Ufer des Sees entfernt. „Als das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wurde wussten wir, dass wir sterben würde.“ Sie versteckten sich im Haus. Und hatten Glück. „In unserer kleinen Dorfgemeinde wollte niemand mitmachen.“, auf der anderen Seite des Ufers brannte der See. Leopold sah, wie Menschen von Macheten in Teile geschnitten und zu Tode geprügelt wurden. Er verlor einen Onkel und zwei Brüder. Auch während dieses 100-tägigem Massenmords gab es Widerstand. „Wirklich bewundernswert waren die Menschen, die es vorzogen selbst getötet zu werden, anstatt andere zu töten.“ Ein Bürgerkrieg dessen Helden namenlos begraben werden. Beinahe ausnahmslos.
Als es vorbei war ging er zurück in die Hauptstadt Kigali. „Alles war zerstört. Kadaver lagen überall. Menschen mit tiefen Wunden. In den Straßen weinten Waisen, die alles verloren hatten.“ Im Ruanda nach dem Genozid kamen alle wieder zusammen, Geschundene mit Mördern, Opfer mit Tätern. Beinahe jeder in Ruanda war auf irgendeine Weise betroffen. Wollte er sich je rächen?
Nach dem die letzten Silben dieser Worte gesprochen sind, dreht er sich ruckartig in meine Richtung. Mit einem Mal verkrampft sein ganzer Körper. Nur seine Augenlieder bewegen sich noch, verengen sich langsam. Er sieht mich mit einem undurchdringlichem Blick an. Sieht direkt in mich hinein. Sein Blick gräbt sich in mein inneres und reißt es auseinander.
Ich bin unfähig in seinen Augen zu lesen. Irgendetwas spielt sich dort ab. Ich weiß nicht, was er erblickt. Es ist etwas aus dieser anderen Welt, in die ich niemals vordringen werde. Aber ich merke die plötzliche Entschlossenheit. Harte, ernste Augen. Eigentlich ist er ein sehr fröhlicher, lustiger Mensch, der sich gern zu albernen Dingen hinreißen lässt. Aber alles Weiche ist aus seinem Gesicht verschwunden. Seine Worte dann rein mechanisch, Emissionen dessen, was sich in ihm abspielte. Völlig bedeutungslos.
„Ja. Ja. Aber das ist keine Lösung.“
Nein, Ariane Umutoni konnte nicht an vier Orten gleichzeitig sein. Einer reichte völlig aus. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Braune, große Augen. In diesem einen Moment mussten sie geschlossen gewesen sein. Der Mensch besitzt einen Reflex, der das Augenlied schließt. Zum Schutz bei Gefahr. Übrigens auch bei zu grellem Licht. Das offene Auge galt der Kirche als Symbol für die behütende Allgegenwart Gottes. Kein Wunder das Ariane Umutonis Augen geschlossen waren.
Sie war 4 Jahre alt. Zwei Speere wurden ihr in die Augen gebohrt.
Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: Schülerzeitung Blauer Brief, Bielefeld
Wann: 23.06.2008










12:00 | 



Druckansicht