14. März 2009

MENSCHEN MIT BEHINDERUNG

„Verrückteste Band der Welt“

Bei Station 17 geben Menschen mit Behinderung den Ton an

Von Markus Noldes

Wenn man eine Formel für eine Rock-Band aufstellen will, würde diese eine Anzahl von drei bis fünf Musikern vorsehen, die durch die Welt touren und jeden Abend ihr Programm runterspielen. Bei „Station 17“ ist das anders. Das Musikprojekt aus Hamburg steht mit zehn Leuten auf der Bühne und man weiß nie, wie der nächste Song klingen wird.

Der Grund: Bei „Station 17“ handelt es sich um ein Projekt, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren. Sebi, Marc, Hoss, Andi, Phillip und Felix übernehmen abwechselnd Gitarre, Gesang, Keyboard oder diverse Percussioninstrumente oder Effektgeräte. Unterstützt werden sie auf der Bühne von vier weiteren Musikern, die Bass, Gitarre, Keyboard sowie Schlagzeug spielen.

„Man weiß nie, was passiert“

„Station 17“ ist ein Musikprojekt, welches in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Jahre 1988 entstand. In dem Stiftungsgebäuden lebten zu dieser Zeit geistig behinderte Menschen in geschlossenen Wohngruppen.

In der Wohngruppe 17, die der Band auch ihren Namen verdankt, entwickelt sich die Idee, gemeinsam mit behinderten und nicht-behinderten Menschen Musik zu machen.

Der Initiator des Projekts ist Kai Boysen, der nicht als Erzieher arbeitete, sondern Musiker bei verschiedenen Bands in der Hamburger Indie-Musikszene war. Mit dem Freibank Musikverlag und der Unterstützung einiger Freunde aus dem Musikbusiness kann Boysen auch die Heimleitung von der Seriosität seines musikalischen Anliegens überzeugen. Denn von vornherein gilt es zu beachten, dass man aus dem Projekt keine Freakshow macht, sondern eine Band in der deutschen Musiklandschaft. Das Projekt „Station 17“ ist seit jenem Tag eine der ersten Bands, in der Menschen mit Behinderung mitwirken.

Die heute zehnköpfige Band bildet einen großen Trupp, was es erwschwert, eine Tour auf die Beine zu stellen. „Natürlich ist es nicht leicht eine so große Band zu vermitteln“, erklärt Tourmanager Marco Hanneken, der am Wochenende im Limit als DJ tätig ist. „Einige Veranstalter haben sicher auch Berührungsängste. Wir sind schon im Juni angefangen zu planen.“

Zusammengekommen sind 16 Auftritte im Februar, die sich über Deutschland, Österreich und die Schweiz erstrecken. Ein Unterfangen, dass sicher anstrengend werden dürfte.

„Es ist lange her, dass die Band auf einer so langen Tour war. Damals waren es auch noch andere Musiker“, erklärt der Limit DJ. Auch wenn die Band mit einem Nightliner auf Tour gehen wird, werden viele Nächte im Hotel verbracht. „Wir können den Menschen mit Handicap nicht zumuten, jede Nacht im Nightliner zu schlafen“, so Marco Hanneken.

Völlig anders sind vorallem die Auftritte von Station 17. Gitarrist Peter Tiedeken: „Man weiß nie so genau, was als nächstes passiert.“ Denn während andere Bands alles genau planen, lebt Station 17 von der Improvisation.

„Entgegen vieler Annahmen ist Improvisieren ziemlich schwierig“, erklärt Tiedeken. „Es ist wie ein gutes Gespräch: Man muss genau hinhören, was der andere macht.“ Somit wird jedes Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis. Auch ein Grund, warum Marco Hanneken Station 17 gerne als „verrückteste Band der Welt“ bezeichnet.

Präsentieren wird die Band ihr neues Album „Goldstein Variationen“, welches gegen Ende des Jahres 2008 erschien. Dieses umfasst 12 Tracks, die mit diversen Gastmusikern aufgenommen wurden. So wirkten auch Fettes Brot oder The Robocop Kraus bei den Aufnahmen mit. „Wir hatten einen Tag pro Künstler, um den Song zu produzieren“, erinnert sich Peter Tiedeken. Da jede Band einen anderen Kooperationspartner hatte, mit dem sie einen Song aufnehmen sollte, war die Arbeit im Studio sehr unterschiedlich.

Vielfältiges Album

„Neben dem Musizieren musste man ja auch noch Zeit darauf verwenden, den jeweiligen Partner besser kennenzulernen.“ So entstand ein Album, welches vielfältiger nicht sein könnte. Hip Hop, Rock, Pop oder auch Electro- Songs sind auf Goldstein Variationen zu finden.

Die nun beginnende Tour führt das Bandprojekt, welches mittlerweile mehr als 20 Jahre besteht, auch nach Ostfriesland. In der Diskothek Limit können sich dann alle von den experimentellen Klängen der Band überzeugen lassen. Am 7. Februar wird ab 21 Uhr Station 17 zu sehen sein. Der Eintritt beträgt acht Euro.

Ob es nach den Konzerten auch eine Aftershowparty gibt? „Wir hätten nichts dagegen“, lacht Tourmanager Marco Hanneken.

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