„Das war wie ein Schlag ins Gesicht“
Seit einem Jahr blickt Dennis Bauer durch Gitterstäbe in die Welt. Der 19-Jährige ist in der Jugendanstalt Schleswig inhaftiert.
Fünf Stahl- und Gittertüren trennen Dennis Bauer (Name geändert) von der Freiheit. Der 19-Jährige kann sein “Zimmer” nur mithilfe anderer verlassen. Der acht Quadratmeter große Raum, den Dennis mit Fotos geschmückt hat, und in dem neben einem Bett und einem Schrank auch Poster der Rapper Automatik G und Bushido hängen, sieht auf den ersten Blick aus, wie ein normales Jugendzimmer. Nur die Gitterstäbe am Fenster stören dieses Bild. Nein, das ist nicht Dennis’ eigenes Zimmer. Das ist eine Zelle. Aber die bedeutet für ihn seit einem Jahr Alltag.
Dennis sieht nicht aus wie einer, der im Gefängnis sitzt: durchtrainierter Oberkörper, gestylte Haare, Pullover, Jeans. Aber er trägt Anstaltskleidung. Seine eigenen Sachen sind “auf der Kammer” – um Eifersucht zu unterbinden.
Seit dem 18. Dezember vergangenen Jahres sitzt der junge Mann aus Lütjenburg im Gefängnis, erst in der Jugendvollzugsanstalt Neumünster, seit Januar in der Jugendanstalt Schleswig, in der zurzeit 67 Jungen im Alter von 14 und 24 Jahren inhaftiert sind.
Das Jugendgefängnis wurde erst im Jahr 2000 eröffnet. Davor war es ein Jugendheim. Entsprechen sieht der Hof aus: groß, mit einem Fußballplatz in der Mitte – alles umrahmt von einer 5,50 Meter hohen Mauer, die auf Besucher schon von draußen beklemmend wirkt. Einmal drinnen hat man nur noch ein Gefühl: eingesperrt zu sein.
Daran hat sich Dennis gewöhnt. Woran er sich nicht gewöhnt hat, ist das Heimweh. Das hat er jeden Tag. “Ich denke viel nach”, sagt er leise. An seine Familie denkt er dann und daran, was er falsch gemacht hat. Sein Vater ist früh gestorben. Seine Mutter konnte die “starke Erzieherrolle” nicht übernehmen. Auch der Lebensgefährte konnte die Vaterrolle nicht ausfüllen, denn die Mutter hielt schützend die Hand über ihren Sohn. “Das war der Fehler”, weiß der 19-Jährige heute. Denn mit 16 Jahren geriet er an die falschen Freunde. Klauen war cool und Fahren ohne Führerschein erst recht. Und so kamen 14 Verfahren zusammen. Erst gab es zehn Sozialstunden, dann drei Wochen Jugendarrest. Warum er weitergemacht hat? “Das hat wohl nicht gereicht”, erklärt Dennis. Und dann passierte etwas, dass ihm heute “sehr, sehr leid” tut: Er klaute seinem Bruder 1700 Euro. “Die Verlockung war zu groß. Es lag vor mir und da habe ich es mir genommen.” Das Geld hat Dennis mittlerweile zurückgezahlt, zu seinem Bruder hat er aber keinen Kontakt. “Das kann ich hoffentlich klären, wenn ich draußen bin.” Das ist frühstens in sechs Monaten, denn noch hat Dennis ein Verfahren laufen. “Da kommt noch was zu”, glaubt er. Das bedeutet für ihn, auch Weihnachten wieder in der Zelle zu verbringen. “Das war bis jetzt am schlimmsten”, sagt er. Denn sechs Tage vor Heiligabend musste er in den Knast. “Das war wie ein Schlag ins Gesicht.”
Seinen Geburtstag hinter Gittern zu verbringen, war ebenfalls nicht schön: “Ich war an diesem Tag sehr ruhig und habe mit meiner Mutter telefoniert.” Die hält zu ihm. “Ich weiß auch nicht, warum sie das macht”, so Dennis. “Aber ich bin ihr sehr dankbar dafür.” Dennis kann vier Stunden Besuch im Monat erhalten. Seine Mutter besucht ihn alle zwei Wochen.
Einen weiteren Rückschlag musste Dennis während seiner Haft ebenfalls hinnehmen: Seine Freundin, mit der er drei Jahre lang zusammen war, machte Schluss. Sie hat den Belastungen nicht mehr standgehalten. “Aber wir sind noch gute Freunde”, sagt Dennis.
Auch sein straffer Tagesablauf erleichtert ihm seinen Gefängnisaufenthalt: 6.30 Uhr heißt es aufstehen, denn um 7.30 Uhr gibt es Frühstück und seine Arbeit in der Holzwerkstatt der Anstalt beginnt.
Um 12 Uhr wird gemeinsam zu Mittag gegessen. “Das schmeckt für ein Gefängnis sogar ganz gut”, hat Dennis festgestellt. Nach Feierabend um 16 Uhr beginnt um 16.20 Uhr die “Freistunde”: Eine Stunde können die Gefangenen auf dem Freistundenhof verbringen. Anschließend findet der so genannte Aufschluss statt. In dieser Zeit sind die Zellen offen und Dennis unterhält sich mit anderen, trainiert im Kraftraum oder spielt Fußball. Schlägereien gibt es nur selten, denn wer eine Prügelei anzettelt, bekommt ein Strafverfahren. “Und keiner hier möchte seinen Aufenthalt freiwillig verlängern”, erklärt die Leiterin des Hauses 3, Anke Wiederhöft. Dennis geht zweimal monatlich im Supermarkt auf dem Anstaltsgelände einkaufen – mit seinem eigenen Geld. Bis zu 300 Euro kann er jeden Monat bei der Arbeit verdienen. Rund 120 Euro davon kann er bargeldlos im Supermarkt ausgeben, der Rest ist Überbrückungsgeld für das Leben in Freiheit.
“Jetzt hat es gereicht”, sagt Dennis schließlich und meint damit seine Zeit im Gefängnis. Er habe dazu gelernt und wolle nicht noch einmal rein. Draußen will er seinen Realschulabschluss nachholen und eine Ausbildung zum Automobilkaufmann absolvieren. Und er möchte ein neues Leben beginnen – mit seinem eigenen Zimmer.
Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Nachricht
Publiziert: ja
Medium: Eckernförder Zeitung, Jugendseite
Wann: 05.12.2008










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