Wenn Schule zum Albtraum wird
Von Stefanie Rubner
Von Bauchschmerzen geplagt, liegt die 13jährige Schülerin hellwach in ihrem Bett. Ihre Gedanken beginnen zu kreisen: Um immer neue Szenarien. Panisch sucht sie eine Möglichkeit, nicht aufstehen zu müssen. Ihre Augen lassen Verzweiflung erkennen: Alles, nur bitte keine Schule!
Für Mobbing-Opfer wird jeder Schultag zum Albtraum: Systematische Ausgrenzung, Demütigung und Gewalt. Körperlich mindestens so grausam wie seelisch. Mobbing hat viele Gesichter. Es ist allgegenwärtig und schon gar nicht neu. Mit Wörtern wie „schikanieren“ oder „hänseln“ ist es seit langem Teil unserer Sprache. „Viele Menschen sind sich der Belastung durch Mobbing nicht bewusst“, bedauert Roland Storath, Leiter der Staatlichen Schulberatungsstelle Mittelfranken. Opfer brauchen Hilfe und deshalb „ist Petzen Pflicht!“, erklärt er überzeugt.
Die Anzeichen
„Mobbing entsteht unter Konkurrenz- und Leistungsdruck“, so Storath. Als Opfer eignen sich besonders Kinder mit geringem Selbstbewusstsein und wenig Freunden. Die Täter hingegen hungern meist nach Aufmerksamkeit oder Macht. Doch treffen kann es jeden.
Entgegen vieler Meinungen ist Mobbing kein harmloser Kinderstreich. Es ist essentiell, auf erste Anzeichen zu achten. Die Opfer sind meist aggressiv, wollen nicht essen oder leiden unter Depressionen. Schulischer Leistungsabfall kommt oft hinzu. Viele Betroffene schämen sich, geben ihr Leid erst spät preis. „Es ist wichtig für Eltern, mit ihrem Kind im Gespräch zu bleiben“, rät Alfred Winkelmann, Erziehungs- und Familienberatung des Jugendamtes der Stadt Nürnberg. Die Eltern sollen keinesfalls als Kritiker auftreten, sondern das Kind emotional stützen.
Eine Chance
Die erste Anlaufstelle bei Mobbing ist stets die Schule. Hilfe ist vor allem durch Vertrauenslehrer oder die Schulleitung möglich. Oft sind es sogar Lehrkräfte, die Veränderungen im Verhalten des Kindes bemerken. Wichtig ist, dass bei konkretem Verdacht schnelles und konsequentes Handeln folgt. „Es sind klare Grenzen nötig. Je nach Schweregrad kann die Schulleitung Sanktionen, von einer Verwarnung bis hin zum Schulverweis, aussprechen“, warnt Ingo Hertzstell, Mobbing-Spezialist der Schulpsychologie für Nürnberg im Geschäftsbereich Schule. Mobbing sei eine Form von Gewalt und habe an Schulen nichts zu suchen. Neben der Hilfe der Eltern ist ein Schutzwall innerhalb der Klasse wichtig. „Das Opfer braucht Freunde, die ihm zur Seite stehen. Nur so kann es sich wehren“, so Hertzstell. Doch laut einer kanadischen Studie unterstützen 80 Prozent aller Mitschüler den Täter. Dass diese Ergebnisse in etwa auf Deutschland übertragbar seien, resultiere aus allgemeiner Angst der Kinder, selbst zur Zielscheibe zu werden. „Nur wird bei uns nicht so laut darüber diskutiert“, betont Ingo Hertzstell. Sollte das Opfer innerhalb der Schule keinen Rückhalt finden, empfiehlt sich ein Schulwechsel.
Auch sei es wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die verstärkt unter Mobbing litten, anfälliger für psychische Krankheiten seien, erklärt Petra Lehmann, Beratungsrektorin der Staatlichen Schulberatungsstelle Mittelfranken. In einigen Fällen ende Mobbing sogar mit Selbstmord.
Cyber-Mobbing
Mittlerweile geht Mobbing über das Klassenzimmer hinaus, spielen sich doch rund 20 Prozent der Fälle im Internet ab. Schüler VZ oder YouTube stechen besonders hervor. „Schlimm ist die weltweite Präsenz des Internets. Die Täter sind anonym und auf der virtuellen Ebene geschützt. Eine Klasse bleibt überschaubar“, bedauert Hertzstell. Doch sind die veröffentlichten Inhalte meist nicht mit bösen Absichten verbunden. Es entwickelt sich schnell eine unkontrollierbare Eigendynamik. „Videos und Bilder werden beliebig verändert, vervielfältigt und praktisch zu Selbstläufern. Sie landen immer wieder im Netz“, warnt Klaus Lutz, Fachberater für Medienpädagogik im Bezirk Mittelfranken und Dozent der Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg. Die Jugendlichen seien sich der Konsequenzen oft nicht bewusst. „Diese Internet-Gruppen sind ein fester Bestandteil ihrer Welt und eigentlich eine gute Sache. Doch muss den Kindern ein sicherer und ethisch korrekter Umgang vermittelt werden.“
Strafrechtliche Folgen
Mobbing ist auch den Polizeibehörden bekannt. „Wir haben es in erster Linie mit Auswirkungen wie Beleidigung, Unterschlagung oder Körperverletzung zu tun“, berichtet Kriminalhauptkommissarin und Beauftragte für Frauen und Kinder der Polizeidienstelle Mittelfranken, Cora Miguletz. Körperverletzung enthalte nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch Mobbing-Folgen wie Bulimie oder Psychosen. „Quasi jeder körperliche oder gesundheitliche Schaden, der direkt durch das Mobbing entsteht“, so Miguletz. Täter sind ab dem vierzehnten Lebensjahr strafmündig und unterliegen dem Jugendstrafrecht. „Tatbestände wie Körperverletzung werden durchaus mit Jugendarrest geahndet“, mahnt die Kriminalhauptkommissarin. Das individuelle Strafmaß bestimme das Jugendgericht.
Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Feature
Publiziert: nein










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