4. Mai 2010

Gelähmt

Sich anpassen – ja, unterkriegen lassen – nein

von Nadja Friedl

21,19 Meter. Mit dieser Weite holte Frances Herrmann bei den Paralympics in Peking die Silbermedaille im Diskuswerfen. Inzwischen liegt ihr Erfolg mehr als ein Jahr zurück – wie hat sich das Leben der spastisch gelähmten Sportlerin dadurch verändert?

„Direkt nach Peking war die Medienresonanz riesengroß“, erinnert sich Frances und erzählt von vielen Preisverleihungen und Interviews. Bundespräsident Horst Köhler überreichte ihr mit dem silbernen Lorbeerblatt die höchste deutsche Sportauszeichnung. „Das war der Moment, der für mich am bewegendsten war, weil ich Horst Köhler schon in Peking kennengelernt hatte. Er hatte sich dort ausgerechnet mein Zimmer angeschaut und sich auch Zeit genommen und mit mir unterhalten“, erzählt sie. War diese Ehrung ihr schönstes Erlebnis, das sich durch den Medaillengewinn ergeben hat? Frances überlegt einen Moment. „Nein, ich glaube, das schönste ist für mich, dass ich das Gefühl habe, den Sport vorangebracht zu haben. Ich war die erste behinderte Sportlerin an der Cottbuser Sportschule. Wenn das mit mir nicht funktioniert hätte, hätte es keinen zweiten Versuch gegeben. Aber durch meinen Erfolg habe ich anderen Athleten den Weg geebnet, die jetzt ebenfalls dort trainieren und lernen können.“

Ihr eigener Weg an die Sportschule war alles andere als leicht. „Bei meiner Geburt wurde das Kleinhirn mit Sauerstoff unterversorgt. Dort werden alle Informationen für die Bewegungen gesteuert, bei mir können diese Infos nicht gleichmäßig an die Körperhälften weitergeleitet werden. Außerdem wird die rechte Körperseite unterversorgt, das sieht man auch“, sagt sie und krempelt mit der linken Hand den rechten Ärmel ihres weißen Pullovers nach oben. „Das ist alles dünner. Mit der linken Hand kann ich mich ganz gut bewegen, aber hier nicht.“ Trotz ihres Handicaps ging sie zuerst auf eine Grundschule, wechselte aber dann auf eine kooperative Schule. „Es lag nicht an meinen Leistungen. Ich wurde gemobbt.“ Mit zwölf nahm sie zum ersten Mal am Sportunterricht teil. „Man hat mir erzählt, dass ich am Anfang ziemlich genervt war. Ich war es einfach nicht gewöhnt“, sagt sie lachend. Eines Tages besuchte ein Trainer den Sportunterricht, um den Nachwuchs zu sichten. Er schlug Frances vor, einmal das Kugelstoßen oder Diskuswerfen zu probieren. Sein Urteil stand schnell fest: „Also, wenn aus dir mal was wird, dann ein Diskuswerfer.“

„Der schaut sich das fünf Minuten an und will wissen, was ich am besten kann?“, fragte Frances sich damals. „Heute weiß ich, dass er dafür einen geschulten Blick hat“, lacht die 20-Jährige. Erfolgserlebnisse bei Wettkämpfen spornten sie an, weiterzumachen. Nach der zehnten Klasse stellte sich für sie die Frage, wie es weitergehen soll. „Ich hatte einen Ausbildungsplatz, aber dann wäre für den Sport keine Zeit mehr gewesen“, sagt die Lausitzerin. Sie schaffte den Sprung an die Cottbuser Sportschule. „Ich war die erste, die einzige Behinderte. Am Anfang war es hart, alle haben auf mich geschaut und gezweifelt, ob ich es schaffe“, erzählt sie. „In der elften Klasse habe ich ein halbes Jahr gefehlt, weil ich eine Knochenentzündung hatte. Aber ich habe mich durchgebissen. Wenn die anderen merken, dass man es wirklich will, dann helfen sie einem auch.“

Auch um ihren Alltag zu meistern, braucht Frances Hilfe. „Beim Schuhe anziehen“, fällt ihr sofort ein. „Es gibt viele Sachen, wo ich Probleme habe, aber das kriegt eigentlich außer meinen Eltern und meiner Oma keiner mit. Man richtet sich da ein.“ Dass die Entscheidung, einen Gehandicapten anzusprechen oder nicht für Außenstehende schwierig sein kann, versteht Frances. „Aber ich mag es nicht, wenn Leute nur gucken. Dann sollen sie mich lieber direkt fragen.“ Taktlose Kommentare kommen selten vor. „Aber sie bleiben hängen. Wenn ich mittags um zwölf gefragt werde, ob ich besoffen bin, weil ich so torkele…“ Sie spricht ihren Satz nicht zu Ende.

Der Medaillengewinn hat ihr Kraft gegeben. Sie hat nun einen Laufbahnberater an ihrer Seite, der sie unterstützt, Studium und Sport zu verbinden. „Ich werde auch oft angesprochen und hatte sogar Autogrammkartenanfragen“, erzählt sie. Weil sie auf diese Wünsche gar nicht vorbereitet war, verschickte sie unterschriebene Fotos. Es ergaben sich natürlich auch Verpflichtungen. Zum Beispiel muss sie der Dopingbehörde immer genau mitteilen, wo sie sich aufhält.

Ihr nächstes Ziel ist die Weltmeisterschaft 2011 in Neuseeland. „Ich würde schon gern Weltmeister werden“, sagt Frances und lacht. Ob sie überhaupt im Diskuswerfen antreten kann, steht aber noch gar nicht fest, die Disziplin wurde vorerst gestrichen. „Ich verstehe das nicht, wir sind genügend Teilnehmer. Aber solange ich die Chance habe, mich durch das Kugelstoßen zu qualifizieren, werde ich das natürlich versuchen.“ Dass sie sich anpassen muss, ist Frances gewohnt. Unterkriegen lässt sie sich aber nicht. „Vielleicht müssen wir vor das Sportgericht ziehen. Mal sehen, was kommt.“

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