An der Grenze der Menschlichkeit
Ein ehemaliger NVA-Soldat berichtet
von Olivia Sardinas
Hildburghausen, 1969. Konrad Lehmann kauert im Schnee und lauscht in die Stille. Diensthund Max schmiegt sich an seine Beine, spendet Trost. Das Gewehr fest umklammert, wartet der junge Soldat auf ein Geräusch, eine Bewegung. Was, wenn tatsächlich jemand kommt? Starr vor Angst schließt er die Augen, denkt sich an einen anderen Ort. Auch heute ist seine Angst noch deutlich spürbar. 40 Jahre sind vergangen, seit er seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze verrichten musste.
Konrad Lehmann wohnt schon Zeit seines Lebens in Dresden. Wieso gerade er an die Thüringische Grenze berufen wurde, weiß er nicht. Der Grenzdienst beruhte nämlich nicht auf Freiwilligkeit, er zählte zum Pflichtwehrdienst. Wo ein Soldat eingesetzt wurde, erfuhr er erst, als der Wehrdienst begann. Obwohl die Möglichkeit bestand, den Einsatzposten abzulehnen, trat die Mehrheit der Männer den Dienst an der Grenze an. “Ich war damals erst 20 Jahre alt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Als Grenzsoldat bekam man mehr Sold und ich hatte eine Familie zu versorgen.”, begründet Konrad Lehmann seine damalige Entscheidung. Dass er sich dazu verpflichtete, seine Mitbürger an der Flucht in den Westen zu hindern, war ihm bewusst. Dass er dies auch Mithilfe einer Waffe tun sollte hingegen nicht.” Wir wurden angewiesen, auf die Beine des Flüchtlings zu zielen. Ich wollte unter keinen Umständen schießen”, sagt er.
Flucht mit Folgen
Doch nicht alle Grenzsoldaten zögerten, wenn es darum ging, den Schießbefehl auszuführen. Wie viele Menschen ihr Leben an der Mauer verloren ist unklar. Viele Flüchtlinge wurden erschossen. Andere ertranken beim Versuch, über die Ostsee in den Westen zu schwimmen oder fanden den Tod durch Landminen und Selbstschussanlagen. 13 Jahre lang – von 1971 bis 1984 – existierten etwa 55.000 dieser Anlagen. Sie waren an Metallzäunen montiert und feuerten Stahl- und Eisensplitter ab, wenn ein Draht berührt wurde. Die Flucht in den Westen stellte damals eine schwerwiegende Straftat dar, die mit allen Mitteln bestraft werden sollte. “Uns wurde eingebläut, die sogenannten Grenzverletzer unbedingt aufzuhalten”, bestätigt Konrad Lehmann die These. Wer den Schießbefehl absichtlich nicht befolgte, galt als Staatsverräter. War es also die Furcht vor den Konsequenzen, die die Soldaten zum Abfeuern ihrer Waffen zwang? “Ich bin mir sicher, dass niemand aus Überzeugung geschossen hat”, meint Lehmann.
Persönliche Grenzen und grenzenlose Träume
Ob auch er im Falle eines Falles geschossen hätte, weiß er nicht. “Es wäre zu einfach diese Frage zu verneinen”. Glücklicherweise kam er nie in eine Situation, die diese Entscheidung erfordert hätte – und das, obwohl er jeden Tag acht Stunden lang auf Streife war. Eine Festnahme oder einen Schuss hätte er sich nie verzeihen können. “Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und Freiheit”, sagt er bestimmt. “Außerdem konnte ich die Menschen verstehen. Ich wollte ja auch abhauen”, fährt er zaghaft fort. Die Hoffnung, in einem unbeobachteten Moment in den naheliegenden Wald fliehen zu können, begleitete ihn jeden Tag – ebenso wie ein Unteroffizier oder ein Gefreiter. “Wir zogen nie alleine los. Das Postenpaar wurde täglich neu gebildet. Wer mit wem auf Streife ging, erfuhr man erst kurz vor Dienstbeginn”, erklärt der heute 60-jährige. “Auf einen unbeobachteten Moment wartete ich also vergebens”.
Wie jeder Grenzsoldat, kehrte auch Konrad Lehmann nach anderthalb Jahren heim. “Ich hatte zwar während meiner Dienstzeit den einen oder anderen Kurzurlaub, aber als ich endlich für immer zurückkehren konnte, weinte ich vor Freude”, erzählt er beinahe flüsternd. Grenzer waren ganz normale Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne. Das wird mir in diesem Moment klar. Sie verrichteten ihren Wehrdienst und taten damit ihre Pflicht. Dennoch werden sie noch heute genau dafür verurteilt. Dass der Schießbefehl in keinster Weise vertretbar war, weiß Konrad Lehmann. Und auch, dass es leicht ist einen Schuss zu verurteilen, wenn man selbst nicht an der Grenze stand. Darum fordert Lehmann die Menschen dazu auf, sich über die Hintergründe zu informieren, um sich in die Lage eines Grenzers hineinzuversetzen zu können.
Als Grenzsoldat hatte man einen harten Job. Die Schießbedingungen waren miserabel. Mitten in der Nacht auf die Beine einer Person zu zielen, die sich im Wald versteckt, ist gewiss nicht einfach. Sicherlich hätte in solch einer Situation überhaupt kein Schuss fallen dürfen – aber um das beurteilen zu können, muss man selbst einmal den Druck einer Diktatur gespürt haben. Binnen Sekunden musste entschieden werden, ob man schießt oder Gefahr läuft, selbst verletzt zu werden. Auch Grenzer wurden erschossen. Werner Weinhold, der 1975 zwei Soldaten tötete, ist nur ein Beispiel dafür. “Wir waren doch alle Marionetten des Systems”. Mit diesen Worten schließt der ehemalige Grenzer seinen Augenzeugenbericht ab. Hoffentlich ist all dies für immer vorbei.
Mediengattung: Internet
Publiziert: ja
Medium: www.reporter89.de
Wann: 19.02.2009










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