23. November 2010

Spaßwahlkampf? Nein, danke!

Spaßwahlkampf? Nein danke!

Thorsten Krüger ist Mitglied der Piratenpartei und besucht regelmäßig die Crew-Treffen der Bochumer „Bermuda-Crew“ – „was auch schon der erste Unterschied zu den normalen, großen Parteien ist“, so Krüger, der darauf anspielt, dass es in anderen Parteien meist Ortsvereine mit klaren, gefestigten Strukturen gibt. Eine Crew aber kann jeder gründen.

Zum ersten Crew-Treffen im neuen Jahr sind nur vier Leute erschienen. Vier Mitglieder der Partei, die in den letzten Monaten für so viel Furore sorgte. Und obwohl diese vier Piraten derart unterschiedliche Charaktere verkörpern, läuft das Treffen erstaunlich produktiv ab. Beinahe könnte man die Mosaiksäule der Kneipe „Absinth“, in der das Crew-Treffen stattfindet, als Symbol für die vier Teilnehmer sehen – auf der fast kom­plett schwarzen Säule finden sich vier verschiedene Farben, die die Differenzen der Teilnehmer klarmachen. Vom Freak, den in dieser Partei jeder erwartet, bis zum ra­tional denkenden Anführer der Crew, Krüger, ist an jenem Abend jeder Charakter dabei.

Nach der Bundestagswahl 2009, „bei der wir von den kleinen Parteien das beste Er­gebnis erzielten“, legte sich der Schwerpunkt auf die Organisation des Wahlkampfe­s für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Das in diesem Jahr stattfindende Wählervotum wollen die Piraten so gut es geht vorbereiten. Den Be­griff „Spaßwahlkampf“, wie ihn viele bei der Bundestagswahl nutzten, weisen die Mitglieder entschieden von sich. „Wir stellen uns doch nicht zum Spaß in Eiseskälte nach draußen – stundenlang“, sagt das als Freak erscheinende Mitglied, Christian Lange. Klar: Die Themen, die die vier Teilnehmer hier behandeln, sind nicht zu ver­gleichen mit großen Versammlungen von Ortsvereinen etablierter Parteien. Dinge wie die Aufstellung der NRW-Listenkandidaten oder Kalender-Verteilungen an öffentlichen Plätzen würden dort im Nu abgewickelt. Diese aber sind darin geübt – die Piraten jedoch müssen klein anfangen. Besonders wichtig ist Thorsten Krüger, der ganz in den Piratenfarben orange-schwarz gekleidet ist, die Diskussi­onsführung innerhalb der Gruppe: „Wir fällen niemals Mehrheitsentscheidungen – wir entscheiden ausschließlich im Konsens. Es wird so lange diskutiert, bis alle zu­frieden sind“.

Nachdem ein Anderer einen Schluck seiner Spezi, fast wie bei einer Weinprobe, schlürft, erklärt der Protokollant, der seinen Namen – Pirat durch und durch eben – nicht nennen will: „Die Akzeptanz der Leute immerhin ist seit der Bundestagswahl größer geworden“. Was sich an Zahlen festmachen lässt: Von 2000 Mitgliedern ist die Zahl der deutschen Piraten mittlerweile auf 11000 gestiegen – das Ergebnis von Politik der Zukunft? „Nun ja – sicher muss unser Programm noch ausgefeilt wer­den“, stellt Thorsten Krüger selbstkritisch fest und bläst Zigarettenrauch in die von Grünkohl („Angebot der Woche“) geschwängerte Luft. Jedoch: Oft sind die Medien aus Sicht der Piraten schuld daran, dass ihre Politik falsch wahrgenommen wird. Als aktuelles Beispiel ist wohl der Fall der Kinderpornographie zu nennen. Familienministerin Ursula von der Leyen führte auf Internetseiten mit kinderporno­graphischem Inhalt ein STOP-Schild ein, das den Benutzer vor dem Inhalt der be­treffenden Seite warnt. Gelächter in der Runde, als das Thema in den Raum ge­worfen wird. „Wir sind selbstverständlich für die komplette Löschung dieser Sei­ten“, erklärt eine rothaarige Dame, die anonym bleiben möchte. „Jedoch wird in vielen Medien bei der Wiedergabe unserer Meinung die Hälfte weggelassen“, so die Frau, die vor ihrer Piratenzeit – welch Ironie ob ihrer Haare – „grün“ wählte. So gäben viele Zeitungen nur den Satz „Wir sind gegen das STOP-Schild auf solchen Seiten“ wieder – der Satz „…die Seiten müssen gelöscht werden“ hingegen tauche nur selten auf. „Und schwups, denkt jeder, die Piraten gucken Kinderpornos“, so der Rotschopf.

Auch die Werbung neuer Mitglieder wird bei der Piratenpartei, nachdem sie den großen Erfolg der letzten Wahlen wahrnahm, anders vollzogen. Passive Werbung ist das Stichwort, und die Begründung, die Krüger nachschickt, imponiert: Richten sich die Piraten nämlich bei allem, was sie tun, nach ihrer eigenen Maxime. „Wir würden nie Post verschicken – zu viele Daten wären in unserem Besitz“, so Krüger, der bei einer aktiven Werbung („Wie es die NPD ganz gerne macht“) per Postwurf­sendung in Widerspruch zum eigenen Datenschutz-Programm geraten würde.

Thorsten Krüger hofft, dass die Piraten sich festigen können. Nicht nur in der Gunst der Wähler, sondern auch intern. „Ich bin sicher, dass es demnächst noch eine ge­wisse Konsolidierung geben wird“, so Krüger, der erwartet, dass wenn sich die Spreu vom Weizen getrennt hat, die Partei durchstartet. Wer schließlich wisse, ob in vier Jahren, bei der Wahl zum nächsten Bundestag im Jahre 2013, ein Einzug in eben diesen möglich ist? „Träumen darf man allemal – doch hart arbeiten müssen wir für dieses Ziel natürlich“ – was sich nach allem, nur nicht nach einem „Spaß­wahlkampf“ anhört.

2 Antworten to “Spaßwahlkampf? Nein, danke!”

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