Konzentriert betrachtet Kumar die Hand seines Patienten. Gestern hat dieser sich sämtliche Finger an einem Feuerwerkskörper verbrannt, jetzt müssen die Verbände gewechselt werden. Kumar streift sich in einer gewohnten Bewegung ein Paar Plastikhandschuhe über. Er legt sich ein Fläschchen Jod, einen Pinsel, eine Spritze und frischen Verband zurecht. Dann beugt er sich über die verletzte Hand und beginnt, den Verband abzuwickeln. Die verbrannte Haut betupft er mit Jod, zieht die Spritze auf. Sein Patient verzieht das Gesicht, gibt aber keinen Ton von sich. Auf einmal geht die Lampe aus, die im halbdunklen Raum Licht spendet – Stromausfall. Kein ungewöhnliches Ereignis im Smart Care Krankenhaus in Kamagiri. Es liegt auf 900 Metern Höhe im Hinterland Südindiens, ringsum nur Berge, Dschungel und kleine Dörfer. Smart Care ist die erste und oft einzige Anlaufstelle bei Verletzungen und Krankheit für rund 10.000 Menschen, die auf dem Hochplateau und in den umliegenden Bergen leben. Die meisten dieser Menschen sind sogenannte tribals, Mitglieder der indigenen Bevölkerung Indiens. In traditionellen Stammesgemeinschaften leben sie zurückgezogen und in den einfachsten Verhältnissen. Von Kamagiri aus ist das nächste öffentliche Krankenhaus 60 Kilometer entfernt – unerreichbar für die Menschen dort. Das erkannte auch Dr. Jeyachandran als er 1987 das erste Mal in die Gegend kam. Aus seinen jährlichen Besuchen wird der Wunsch, dauerhafte medizinische Hilfe zu leisten. Mit Hilfe von Spenden bringt der tief gläubige Christ das Projekt ins Rollen: Im Jahr 2000 steht das erste Smart Care Gebäude, 2002 das zweite. Jeyachandran ist seitdem an fünf Tagen in der Woche für seine Patienten da, er arbeitet unentgeltlich, genau wie die anderen, oft jungen, Ärzte, die für ein oder zwei Jahre nach Kamagiri kommen. Spricht man ihn auf seine Leistungen an, ist ihm das sichtlich unangenehm. “Das ist einfach so passiert”, sagt er bescheiden.
Kumar lässt sich vom Stromausfall nicht aufhalten. Im Licht einer Taschenlampe spritzt er die restlichen Finger und umwickelt sie dann mit einem frischen Verband. Kumar ist etwa 30, genau weiß er es selber nicht, und wenn er sich gerade nicht konzentriert, steht ständig ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. “Ich liebe meine Arbeit hier, am liebsten assistiere ich bei Operationen oder Anästhesien”, erzählt er.
Zehn Jahre zuvor hat Kumar wenig Grund zu lächeln. Er ist schwer krank, keiner weiß, was ihm fehlt. “Meine Freunde haben mir dann von Doktor Jeyachandran erzählt, der gerade dabei war, das Krankenhaus zu bauen.” Nach der Untersuchung steht fest: Kumar hat ein Problem mit seinen Herzklappen, muss unbedingt operiert werden. Die Operation ist zu kompliziert für Smart Care, aber Jeyachandran hat Kontakte zu einem Arzt in Bangalore und bezahlt für die Operation. Bald darauf geht es Kumar wieder besser, trotzdem verbringt er immer mehr Zeit bei Smart Care. Was er denn noch hier wolle, fragt Jeyachandran ihn irgendwann. Kumars Erklärung dafür ist einfach: „Die Hilfe, die ich erfahren habe, hat mich sehr beeindruckt. Ich wollte diese Erfahrung weitergeben und selbst anderen Leuten helfen.“
Kumar hat die Schule nach der achten Klasse verlassen, hat keine offizielle Ausbildung zum Krankenpfleger. Es ist eines der Prinzipien des Smart Care Krankenhauses, locals wie Kumar anzulernen. “Alles, was ich kann, hat mir Doktor Jeyachandran beigebracht. Manchmal haben die Menschen mehr Vertrauen zu mir, weil ich von hier komme und ihre Sprache spreche”, erklärt Kumar. So gehört es auch zu seinen Aufgaben, die Patienten über Gesundheits- und Hygienemaßnahmen aufzuklären, mit denen sie viele Krankheiten vermeiden könnten.
Eine weitere Besonderheit von Smart Care sind die im Abstand von ein oder zwei Monaten stattfindenden „Medical Camps“. Sie stehen jedes Mal unter einem anderen Motto, so gibt es zum Beispiel Pädiatrie- und Gynäkologie-Camps. Alle Fälle, die nicht akut sind, werden dann von Spezialisten behandelt. Die Ärzte kommen aus ganz Indien, sie bringen neben ihrer Expertise oft auch ihre Geräte selbst mit – und lassen sie manchmal sogar da. So besteht der größte Teil der Ausstattung in den zwei Operationssälen aus ausrangierten aber noch gut funktionierenden Geräten, die Krankenhäuser oder die Ärzte selbst spenden.
Es ist Sonntag, ein ruhiger Tag bei Smart Care. Eine einzelne Patientin, Benla Salamma, sitzt mit eingebundenem rechten Fuß in einem Rollstuhl in der Sonne. Sie ist etwa 45 Jahre alt und wurde von einer Schlange gebissen. „Ich bin zu verschiedenen Ärzten gegangen und habe viel Geld gezahlt, aber keiner von Ihnen hat mir wirklich geholfen“, erzählt sie. „Sie haben alle gesagt, dass jetzt nur noch Gott etwas tun könnte – meine Familie und ich waren verzweifelt.“ Bei diesen Worten wischt sich Salamma mit ihrem Sari die Tränen aus den Augen. Seit einer Woche ist sie jetzt hier in Kamagiri, wo Jeyachandran ihr Haut vom Oberschenkel an den Fuß verpflanzte. Bald wird sie wieder zu Hause sein.










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