Ausnahmsweise habe ich heute sehr pünktlich die Haustür hinter mir zugemacht und kann mir den üblichen Sprint zum Bus sparen. Gemütlich laufe ich auf das kleine Bushaltestellenhäuschen zu. Schon von weitem sehe ich, dass ein neues Plakat darauf klebt – dem roten Schriftzug nach eines von meinem Lieblingsladen. Tatsächlich: Das eng geschnittene Strickjäckchen sagt mir zu, genauso wie der voluminöse, flauschige Schal. Auch die langen braunen Haare des Models, in einem Pferdeschwanz zusammengefasst, gefallen mir. Doch nanu? Beim Näherkommen entdecke ich seltsame braune Stellen im Gesicht der hübschen Frau. Moment mal – das ist ja ein Vollbart! Anscheinend handelt es sich hier um die neueste Männermode, präsentiert von einem wahrlich androgynen Wesen. Kurz überlege ich. Nach Löwenmähne mit blonden Strähnchen und perfektem Augenmakeup – ja, ich rede von Bill Kaulitz – und der neuen „Handtasche für den Mann“ jetzt also Strickjäckchen. Der Trend des femininen Stils beim männlichen Geschlecht bricht nicht ab. Zur gleichen Zeit wundere ich mich in der Frauenabteilung im Laden meines Vertrauens über Blazer, Hosenträger und Krawatten. Selbst die Schuhmode setzt auf Schnürschuhe im Herrenstil mit Absatz für die Frau. Muss ich bald in die Herrenabteilung zum Einkaufen gehen?Warum hat dieser Rollentausch stattgefunden? Sicherlich ist nichts daran auszusetzen, dass sich im Zuge der Emanzipation die Hose für die Frau durchgesetzt hat. Ich hätte auch keine Lust darauf, einhändig auf meinem Rad durch einen Herbststurm zu schwanken, weil ich mit der anderen die umher wirbelnden Stoffmassen meines Rockes bändigen muss. Aber muss es gleich überall der Businessanzug für die Frau sein? „Frauen sind stark, wenn sie weiblich sind“, sagte Coco Chanel. Doch warum begegnen uns in den Chefetagen großer Firmen die starken Frauen dann im Hosenanzug? Vielleicht liegt darin die Erklärung für den Wandel in der Mode. Heutzutage stehen die Frauen ihren Mann, bringen Kind und Karriere unter einen Hut – und ab und zu werden sie sogar Bundeskanzlerin. Der Mann hingegen erzählt uns in seiner Kochsendung, wie der Entenbraten zum Weihnachtsfest gelingt. Der Mann am Herd! Das Bild vom Männermacho verschwindet aus dem Gedächtnis – stattdessen strahlt Heidi Klums Ehemann Seal fröhlich in die Kamera und sagt: „Ich bin eine Hausfrau.“ Das männliche Selbstverständnis ist ins Wanken geraten. Wir Frauen sind zwar dankbar dafür, dass die Rollen flexibler geworden sind. Trotzdem wünschen wir uns keine Männer mit so einer Schale, wie sie die aktuelle Mode entwirft.Hier ein faires Angebot: Wenn Ihr, liebe Männer, eure Krokodillederhandtasche von der Schulter streift, ziehen wir zur Feier des Tages unsere Krawatte aus und schmeißen uns mal wieder in ein hübsches Kleidchen. Und vergesst bitte nicht, dass wir langsam wissen, was es heißt, die Hosen anzuhaben. Überlegt es Euch also, bevor Ihr versucht, uns zu erzählen, der letzte Schrei sei nun wieder der Damenbart.
17. Januar 2011










09:49 | 



Druckansicht
27. Juni 2011 13:18