28. Februar 2011

Die Angst vor der Heimat

von

Samir (*) hat Angst. Angst davor, dass sie ihn finden. Angst davor, dass sie seiner Familie etwas tun könnten. Und Angst davor, dass er zurück muss in seine Heimat. Seinen richtigen Namen möchte Samir deshalb nicht in der Zeitung lesen. Er sucht den Schutz der Anonymität.

In Straubenhardt, einem kleinen Dorf bei Pforzheim, spürt er ihn. Breitbeinig sitzt der 39-Jährige auf seiner durchgelegenen Matratze in der Sammelunterkunft für Asylbewerber. Die braunen Füße stecken in schwarzen Sandalen, sein runder Oberkörper in einem roten Sweatshirt. Seit sieben Monaten lebt der Pakistani hier zwischen Sägewerk und Gasthaus, zwischen alten Kochtöpfen und Stockbett und zwischen Menschen aus China, Afghanistan oder der Türkei. Es ist das Deutschland, das er kennen und lieben gelernt hat. „Ich hatte Glück“, sagt Samir. „Hier in Deutschland – hier will ich bleiben.“

Allein ist er mit diesem Wunsch nicht. 48 589 Asylanträge zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) allein im Jahr 2010. Zehntausende fliehen vor politischer oder religiöser Verfolgung, andere hoffen nur auf finanzielle Sicherheit. Fast ebenso viele müssen zurück in die Heimat oder existieren jahrelang irgendwo zwischen Heimat und Gastland, als Geduldete mit einem Abschiebeverbot und eingeschränkten Persönlichkeitsrechten. Nur 1,3 Prozent der Anträge wurden im vergangenen Jahr ohne Auflagen angenommen.

Samir möchte dazugehören. Er will die Gefahren in der Heimat hinter sich lassen, die er nie verlassen wollte. „Ich hatte einen Job, eine Perspektive. Ich konnte meiner Familie alles bieten“, erzählt Samir. „Aber frei war ich nicht.“ Frei, das sind in Pakistan nur Muslime. Samir aber ist Christ. Und sein Glaube machte ihn zum Flüchtling.

Es war der 6. Juni 2010, ein heißer Sonntag in seiner Heimatstadt Lahore. Samir erinnert sich noch genau. Etwa 10 Uhr müsse es gewesen sein, als die muslimischen Männer in die Kirche stürmten. Das Gebrüll, die Schläge, die Drohungen. „Da wurde mir bewusst, dass ich wirklich in Gefahr bin“, sagt er und hält kurz inne. Er starrt auf das kleine Kreuz, das er an die Wand neben seinem Bett gehängt hat. Der Pfarrer seiner Gemeinde gab ihm Geld und bat ihn, sich in Sicherheit zu bringen; Familie und Freunde schlossen sich dem an. Sogar meine zehnjährige Tochter sagte weinend, dass ich mein Leben retten müsse“, erzählt Samir und senkt seinen Blick. Seine feste Stimme kämpft zitternd mit der Erinnerung – wie immer, wenn er auf auf seine Familie zu sprechen kommt.

Nach schlaflosen Nächten beschloss Samir zu gehen, weit weg nach Europa. Mit nur einem einzigen Koffer in der Hand und nicht ohne seine Frau und die zwei Kinder in Sicherheit gebracht zu haben. Ein Freund seines Schwagers schickte ihn nach Dubai, von dort aus ging es weiter in die Schweiz. „Man sagte mir“, erinnert sich Samir, „mein Ziel sei Italien“. Stattdessen setzte man ihn in den Zug nach Stuttgart. „Da stand ich plötzlich allein in Deutschland. Und keiner war da.“

Samir wollte der Heimat entfliehen, abhängen konnte er sie nie. In Stuttgart sprach ihn ein pakistanischer Taxifahrer an, erklärte ihm das deutsche Asylsystem und schickte ihn zur Landesaufnahmestelle nach Karlsruhe. Ende Januar wurde Samir dorthin vorgeladen, um über seinen Asylantrag zu sprechen. Eine Sachbearbeiterin löcherte ihn stundenlang mit Fragen zu seiner Heimat, seiner Flucht und seinem Glauben. Nun liegt Samirs Schicksal in Nürnberg. Dort, im verantwortlichen Bundesamt, ist Samir nur ein Datenkürzel, eine Akte unter tausenden. Doch er ist optimistisch. „Die Chancen stehen gut“, glaubt er.

Das europäische Gesetz erwidert das Gegenteil. Folgt das Bundesamt der Dublin-II-Verordnung, könnte Deutschland Samirs Antrag an die Schweiz überstellen, die als sicheres Einreiseland gilt und zu einer Übernahme verpflichtet wäre. Dann begänne die Reise von neuem.

Samir aber will bleiben. Er schätzt die Menschen hier und die Freiheit, die ihm gewährt wird. Er möchte arbeiten und Steuern zahlen, ein bisschen was zurückgeben. „Und ich will meine Familie bei mir haben.“ Er drückt seine Hand an die Stelle an seiner Brust, an der er sein Herz pochen spürt. Von den 40 Euro, die Samir als erwachsenem Asylbewerber monatlich zustehen, bleibt gerade genug für ein Telefonat. „Danach weine ich hier und meine Frau weint in Pakistan“, erzählt er und legt die Stirn in Falten. Sein Körper erzählt die Geschichte seiner Sorgen und Ängste. Die Augen sind müde, unter die kurzen schwarzen Haare haben sich erste graue Stoppeln gemischt. Seit seiner Ankunft leidet er zudem an Diabetes.

Im anliegenden Wald versucht Samir sich fit zu halten, jeden Tag geht er spazieren. Durch das schmutzige Dachfenster dringt von draußen das Rauschen des Baches, der sich am Heim vorbei durch den Nebel schlängelt. Vögelzwitschern. Hier draußen in der Isolation der Natur, einen Kilometer entfernt vom nächsten Dorf, könnte Samir sich sicher fühlen. Doch Samir fühlt anders. Samir hat Angst.

(*) Name geändert

5 Kommentare to “Die Angst vor der Heimat”

  1. sehr guter schreibstil

  2. Klasse geschrieben!!

  3. gut, jannis

  4. gefällt mir außerordentlich gut

  5. mhh hmm

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