16. Februar 2011

Höllische Schmerzen und ein Trauma fürs Leben

Es war noch dunkel in der Steppe Somalias, als die Mutter Fadumo weckte. Fadumo sollte leise sein. Das Mädchen stand auf und wickelte sich ihr Tuch um den Körper. Die Luft war kalt an diesem Morgen im Jahr 1973. Fadumos Mutter trug eine Wasserflasche und eine Wanne, groß genug, um darin sitzen zu können. Mit jedem Schritt, den die beiden hinaus in die Steppe liefen, wuchs Fadumos Angst. Sie ahnte Böses. Doch Fadumo konnte nicht weglaufen – die Mutter hatte sie fest an der Hand gepackt. Wenig später, die Sonne war inzwischen aufgegangen, saß Fadumo auf der blechernen Wanne, die Beine angehoben, die Füße links und rechts auf den Wannenrand gestellt. Unzählige Hände zerrten und zogen an ihrem kleinen Körper. Eine presste ihr den Mund zu. Bei ihrer Beschneidung war Fadumo sieben Jahre alt.

In Afrika und Asien werden täglich 8000 Mädchen und Frauen, egal, welcher Religion sie angehören, beschnitten – obwohl der Eingriff in vielen Ländern gesetzlich verboten ist. „Solange die Beschneidung als Voraussetzung für die Heirat gesehen wird, wird sich das nicht ändern“, sagt Franziska Gruber von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Der Verband versucht in Gesprächen Frauen und Männer sowie Beschneiderinnen, Dorfchefs und religiöse Führern aufzuklären. Denn die gewaltsame Beschneidung verursacht nicht nur körperliche Schmerzen. Viele Frauen leiden ihr Leben lang an einem Trauma. Ältere Mädchen flüchten oft in Schutzhäuser, die ausländische Hilfsorganisationen gebaut haben.

Fadumo konnte nicht weglaufen. Der erste Schnitt zwischen ihren Beinen war eiskalt, ein höllischer Schmerz. Die Mutter rief: „Schrei nicht so, mach’ mir keine Schande!“ Blut lief über den Po des Mädchens, das sich früher gerne mit Jungen geprügelt hat und auf Bäume geklettert war. Fadumo bäumte sich auf, wollte schreien. Doch sie blieb still. Der Schmerz verschlang ihre Stimme, raubte ihr das Bewusstsein.

Geschultes medizinisches Personal ist bei den Ritualen nur selten am Werk. Die Operateure sind Heilerinnen, Barbiere oder Hebammen; ihre Instrumente alte, rostige Messer, Rasierklingen oder Glasscherben. Eine Betäubung gibt es nicht. In der Regel amputieren die Beschneiderinnen die Klitoris und die inneren Schamlippen der Frauen und Mädchen. Bei 15 Prozent der Frauen wird zusätzlich ein Teil der großen Schamlippen abgeschnitten und der Scheideneingang zugenäht – bis auf eine kleine, manchmal nur reiskorngroße Öffnung.

Bei Fadumo blieb nicht einmal dieses kleine Loch. Deshalb musste die Beschneidung am nächsten Tag wiederholt werden – um die Naht wieder ein Stück zu öffnen. Die Wunde entzündete sich, eiterte. Fadumo hatte wochenlang hohes Fieber. Dabei hatte ihre Mutter nach der Prozedur noch versprochen: „Jetzt bist du ein reines Mädchen. Du wirst strahlen.“ Wenig später kaufte die Mutter ein Leichentuch. Fadumo rang mit dem Tod – eine Woche lag die Siebenjährige im Koma.

Heute lebt Fadumo in München. Mit 19 Jahren heiratete sie Walter, einen Deutschen. Sie gingen tanzen, besuchten Hardrock-Konzerte. Gelegentlich gaben sie sich ein Küsschen – Sex hatten sie nicht. Doch für Fadumo gehörte es zu einer Ehe, Kinder zu bekommen. „Dafür musste ich geöffnet werden“, sagt sie.

In Afrika und Asien schneiden manche Männer vor der Hochzeitsnacht die Vagina der Frau selbst auf, andere durchstoßen mit ihrem Glied das verwachsene Fleisch. Oft wird die Frau auf Drängen der Verwandtschaft und des Ehemanns nach der Geburt des Kindes erneut zugenäht – für eine zweite Hochzeitsnacht.

Mit 20 Jahren ging Fadumo Korn zu einem Frauenarzt. Der aber schickte sie sofort weiter, als er sah, was die Beschneiderin einst angerichtet hatte: „Ich kann nichts für Sie tun.“ Fadumo war verzweifelt: „Ich wollte mich vor die U-Bahn schmeißen“. Wochen später öffnete ein anderer Gynäkologe die Narben. Der Schmerz lies die Erinnerungen an die Tortur in der Steppe wieder erwachen. Fadumos größte Angst war es, zur Toilette zu gehen. Sie wusste, wie Urin in der offenen Wunde brennt.

Während die Wunde heilte, veränderte sich Fadumos Leben. Vorher hatte sie oft 30 Minuten auf dem Klo verbracht, um den Urin durch die winzige Öffnung zu pressen. Jetzt war der Toilettengang fast ein Vergnügen. Noch größer war die Freude, als sie einmal einen Blutfleck auf dem Bettlaken entdeckte. Fadumo hatte ihre Periode bekommen – erstmals ohne Krämpfe. Nach vier Tagen war alles vorbei. Zuvor dauerte es bis zu zwölf Tage, bis das Blut aus dem reiskorngroßen Loch geflossen war.

Genitalverstümmelung gibt es nicht nur in Afrika. In Deutschland leben heute mindestens 23 000 Betroffene. Bei einer Umfrage von Unicef, Terre des Femmes und des Berufsverbands der Frauenärzte gaben 2005 zehn Prozent der befragten Gynäkologen an, bereits von Beschneidungen, die in Deutschland durchgeführt wurden, gehört zu haben. Den Töchtern beschnittener Frauen droht häufig das gleiche Schicksal: Sie werden meist bei Ferienreisen ins Heimatland der Eltern verstümmelt.

1 Kommentar to “Höllische Schmerzen und ein Trauma fürs Leben”

  1. Schockierend und lehrreich. 1a geschrieben – hätte gerne noch weiter gelesen!

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