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Schatten ihrer selbst: die Silhouette einer schlanken Frau. Nicht selten hängt Untergewicht mit Ess-Störungen zusammen. - Sie halten die Krankheit für eine Freundin: Wer an Ess-Störungen leidet, sucht im Hungern Halt. Beim Kalorien-Zählen üben Magersüchtige die Kontrolle aus, die sie über ihr Leben verloren haben. Die Sicherheit ist trügerisch: Manchmal führt sie in den Tod.
Schweißtropfen zerplatzen im Schotter. Und Tränen. Unter den Fahrradreifen knirschen Steine. Tanja Wilke, 39, kämpft sich auf dem Mountainbike den Schachen im Wettersteingebirge nach oben. Sie will, sie muss diese Zahl haben: 1000 Kalorien. Dafür, nur dafür schindet sie sich. 1000 Kalorien – und keine einzige weniger.Tanja Wilke fährt wie in einem Tunnel, sie nimmt nichts wahr: keine Berge, keine Bäume, keinen Fahrradweg. Auch nicht ihren Freund, der einige Meter vor ihr fährt. Am Ausblick auf die Alp- und Zugspitze radelt sie einfach vorbei. Sie braucht die Zahl, keine Kulisse. Sie braucht den Brustgurt, der an ihren Rippen scheuert und ihr den Puls zählt. Und die Uhr am Handgelenk, die rechnet und Zahlen ausspuckt. Eine Kalorie, noch eine.Das Frühstück hat Tanja Wilke ausfallen lassen. Mittagessen gab es auch keines. Sie war es sich heute wieder nicht wert zu essen. Im Rucksack: eine Karotte, ein Apfel. Die gibt es aber erst, wenn sie sich auf den Gipfel gequält hat. Wenn auf dem verdammten Display endlich die 1000 aufschimmert. 800 Höhenmeter muss sie noch packen. Tanja Wilke heult, schreit, ringt nach Luft. Ihre kurzen braunen Haare sind klatschnass, das Shirt klebt am dürren Körper. Aber die Beine rebellieren: Sie kann die Pedale nicht mehr durchtreten.
Tanja Wilke muss absteigen und schieben. Der Puls sinkt. Eine Katastrophe. Ihr Körper soll sich nicht erholen, er soll verbrennen: Fett, Kohlenhydrate, Eiweiß. Verbrennen, zunehmen, abnehmen – darum geht es in ihrem Leben. Die Bankangestellte ist krank. Sie isst wenig, oft auch gar nichts. Wenn, dann gibt es Salat, Obst oder Gemüse – „gefahrloses Essen“, wie sie sagt. Seit ihrem zwölften Lebensjahr leidet die 39-Jährige an Magersucht. Seit 27 Jahren. Die Krankheit hat sie nach Berg gebracht. In die Schön Klinik, direkt am Starnberger See. In ein Haus für Frauen, die dem Tod nahe gekommen sind. Ganz nahe. Viele liegen in Betten, dürfen es am Anfang nicht verlassen. Bei jeder Anstrengung könnte ihr Herz aussetzen, bei jeder Bewegung ihr Gehirn verkrampfen.
In den langen, hellen Gang im Erdgeschoss dürfen die Frauen erst, wenn ihr eigenes Gewicht sie wieder am Leben erhält. Das Zimmer 428 ist der letzte Raum hier vor der Abteilung 5 – der Intensivstation. In ihm steht ein langer Holztisch, hier wird gegessen. Die Wände sind fast drei Meter hoch, ein Prachtbau. Im Garten versperren Bäume den Blick auf den See, die Fensterläden sind verschlossen. Hier musste Tanja Wilke essen. Musste wieder essen lernen. Tag für Tag. Sieben Mal. Frühstück, Zwischenmahlzeit, Mittagessen, Zwischenmahlzeit, Kaffee, Zwischenmahlzeit, Abendessen. Jetzt sitzt sie auf der Terrasse ihres Lieblings-Cafés in einem Münchner Vorort, rührt im Cappuccino und sagt: „Das muss man sich mal vorstellen: Ich hab den ganzen Tag gefuttert, habe mich gefühlt wie ein Walross – und trotzdem abgenommen.“ Die Sonne scheint, aber die Ärmel ihrer Bluse reichen bis über die Hände. „Ich habe auch in der Bank immer lange Kleidung an“, sagt Tanja Wilke. „Das schaut nicht gut aus, wenn man überall die Adern sieht.“ Sie sitzt aufrecht. „Ich komme hier gerne her. Hier gibt es fantastische Törtchen“, schwärmt sie. Der Keks am Tellerrand ist immer noch unberührt.
Tanja Wilke will erzählen. Von sich. Von ihr. Von der Tanja, die mit zwölf Jahren mit ihrer Mutter mal eine Diät ausprobierte. Von der Jura-Studentin, die im Prüfungsstress einen Halt suchte und ihn im Hungern fand. Von dem schwierigen Verhältnis zum Vater, der die Mutter betrog und schlug. „Meine Mutter hat mich viel zu früh als Freundin betrachtet“, sagt Tanja Wilke. „Sie hat sich bei mir ausgeheult und mir Dinge erzählt, die ich mit zwölf Jahren einfach nicht verkraften konnte.“ Es gibt Zeiten, da hat die junge Frau die Krankheit im Griff – und nicht die Krankheit sie. Tanja isst wenig, aber sie isst. Doch als 2005 ihr Vater stirbt, treibt sie die Trauer wieder ins Hungern. Und das Wissen, etwas versäumt zu haben: Sie hat sich nie mit ihm ausgesprochen. Das Kalorien-Zählen, das Gefühl, den Körper zu beherrschen, gibt Tanja Wilke in dieser Zeit Sicherheit. „Auf mein Leben hatte ich keinen Einfluss. Aber die Zahl auf der Waage konnte ich kontrollieren.“ Jedes Kilo, das sie verloren habe, war „ein Glücksfall“. Sie steigert sich in einen krankhaften Rausch: Tanja Wilke geht joggen und Rad fahren, bis sie zusammenbricht.
Als sie an den Starnberger See kommt, wiegt sie noch 46 Kilo – bei 1,71 Meter Körpergröße. Zwei Wochen lang isst sie alles, was ihr vorgesetzt wird. Doch ihre Krankheit wehrt sich. „Die Magersucht ist über die Jahre zu meiner besten Freundin geworden. Von der trennt man sich nicht über Nacht.“ Sport ist in der Klinik verboten. Doch Tanja Wilke hat über Jahre gelernt, wie man auch im Alltag Kalorien vernichtet. Ihre „Fatburner“: Sie läuft durchs Zimmer, reißt die Fenster auf oder schreibt im Stehen. Tanja Wilke kennt die Zahlen auswendig. Eine Stunde frieren bei Zimmertemperatur: 60 Kalorien. Eine Stunde aufrecht sitzen ohne Anlehnen: 100 Kalorien. Die Liste ist endlos.
Im Internet gibt es Diät-Foren, da werden solche Zahlen gepriesen wie Zauberformeln. Der Suchbegriff „Frieren für eine schlanke Figur“ führt zu tausenden Treffern. „Ihr müsst im Winter bei offenem Fenster schlafen“, schreibt eine Userin. „Das haben Ernährungswissenschaftler an Mäusen getestet. Die sind jetzt schlank, weil im Käfig die Temperatur gesenkt wurde.“ In der realen Klinikwelt bleibt Tanja Wilkes Gürtelloch dasselbe – trotz sieben Mahlzeiten am Tag. Erst als die Therapeuten mit dem Rauswurf drohen, geht es langsam bergauf. Natalie Neumann, heute 16, wollte sich dagegen nie helfen lassen. Von keinem Arzt, von keinem Therapeuten. Endlich hatte sie mal Aufmerksamkeit. Lange drehte sich alles um ihre ältere Schwester. Die war gut in der Schule, gut im Sport. Die Schwester war das Vorzeige-Mitglied einer zerrütteten Familie. Natalie war nichts. Auch als sie aufhörte abends zu essen, „um ein bisschen abzunehmen“, achtete niemand auf sie. Erst als am Morgen immer öfter der Kühlschrank leer war, setzten sich die Eltern mit ihr an den Tisch.
Natalie ist ein Mädchen, dem die Jungs nachschauen: lange, braune Haare, die lockig über den Rücken fallen. Ein schmales Gesicht, die Haut fahl, dafür makellos. Sie hat lange Beine, passt in jede Röhrenjeans. Nichts an ihr verrät, dass sie krank ist. Nur am Bauch, unterhalb des rechten Rippenbogens, hat sie eine kleine, raue Stelle. Dort ist die Haut verhornt, wie bei den Fingerkuppen eines Gitarristen. Natalie muss nicht viel tun, um sich zu übergeben. „Sie drückt da nur ein paar Mal dagegen, dann kommt alles hoch“, erzählt ihre Mutter. Natalie sitzt daneben.
Sie sitzt am Esszimmertisch im Haus ihrer Eltern, ohne Regung. In zehn Minuten sagt sie nur einen Satz: „Ich habe aufgehört, abends zu essen, um ein bisschen abzunehmen.“ Ansonsten spricht die Mutter. Ihre rechte Hand liegt auf drei Leitzordnern, Modell: Anwaltskanzlei. Seit drei Jahren sammelt sie darin Natalies Leben. Jeder Klinikaufenthalt bekommt seine eigene Klarsichtfolie, „jeder Essanfall, den ich mitbekomme“, wird aufgeschrieben und abgeheftet. Bereits nach Natalies erstem Klinikaufenthalt hat die Mutter „eine Vorlage“ gemacht. „Man schreibt ja doch immer wieder dasselbe.“ Vom Esstisch sieht man die Küche, am Kühlschrank haben sie zwei kleine Metallplatten befestigt. „Früher haben wir immer abgesperrt, wenn wir aus dem Haus gegangen sind. Bis die Natalie dann angezeigt worden ist, weil sie im Supermarkt geklaut hat.“
Zum Mittagessen gab es heute Spaghetti mit Tomatensoße. Der Topf liegt in der Spüle, dort stapelt sich das Geschirr. „Bevor Sie gekommen sind, waren noch mindestens zwei Portionen im Topf“, erzählt Natalies Mutter. Sie erzählt vom Klempner, der Witze riss, als er die Kloschüssel auswechseln musste: Ob da jemand in der Toilette tote Tiere versenke? Natalie sagt dazu nichts. Sitzt da und spielt an den Fingernägeln herum. Erst als ihre Mutter von der Beziehung zu ihrem Mann erzählt, beginnt Natalie zu reden. „Nicht mal eine einfache Diät hab’ ich geschafft. Das können Sie schreiben. Und jetzt möchte ich, dass Sie gehen.“ Natalies Mutter kommt noch mit zur Türe. „Es tut mir leid, sie ist zurzeit sehr schwierig. Sie möchte sich von niemandem etwas sagen lassen.“
Natalie war bis jetzt in fünf Therapien, sogar in Florida bei Delfinen. Sie hat jede Behandlung frühzeitig abgebrochen. Tanja Wilke dagegen hat ihre Zeit in der Klinik überstanden. Sie geht wieder arbeiten, versucht zu leben. Knapp eine Woche nach ihrer Therapie steht Tanja Wilke wieder in der Kantine der Bank, in der sie arbeitet. Oft haben Kollegen sie gefragt, ob sie mit zum Essen kommen wolle. Tanja Wilke wollte nicht. Sie wollte allein sein. Die Kantine war für sie „Gefahrenzone“, sagt sie.
Hinter der Ausgabe schaufelt eine Angestellte gerade einen Berg Schinkennudeln auf einen Teller. Den könnte, ja den müsste auch Tanja Wilke laut ihrem Ernährungsplan essen. Als die Frau an der Ausgabe fragt, was sie haben möchte, blickt Tanja Wilke in ein Gesicht, das sie noch nie gesehen hat. Auch um sie herum: lauter fremde Kollegen. Schinkennudeln? In ihr verkrampft sich alles. Und wenn sie jetzt einer beim Essen beobachtet? Und was soll sie tun, wenn sie zu viel auf den Teller bekommt? Tanja Wilke nimmt einen Salat. Heute hat die Krankheit gewonnen.










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