Beiträge 2009

14. März 2009

HOSPIZ

Der letzte Weg – zu Gast im Hospiz

Von Laura Greiser

„Du warst der allerbeste Papa auf der Welt!“ Mühsam halte ich meine Tränen zurück. Diese Worte in solch kindlicher Handschrift zu lesen, hatte ich nicht erwartet. Ich klappe das dicke Buch zu. Es ist gefüllt mit lieben Worten an verstorbene Menschen, aber auch mit dankenden Sprüchen an solche, die Verstorbene auf ihrem letzten Weg begleitet haben.

Ich stehe in einem liebevoll eingerichteten Flur. Die Villa strahlt Wärme aus. Ich befinde mich im Palliativen Hospiz Solingen (PHoS). Menschen, die hier betreut werden, wissen, dass sie dieses Haus nie wieder verlassen werden. Sie müssen sterben.

75 Prozent der Menschen in Deutschland wünschen sich, zu Hause zu sterben. Die Mitarbeiter des Hospizes haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Wunsch zu erfüllen. Über 40 Ehrenamtler betreuen todkranke Menschen zu Hause und erleichtern ihnen und ihren Angehörigen die letzten Tage. Patienten, die nicht mehr zu Hause betreut werden können, werden in einer Einrichtung im Theodor-Fliedner-Heim, dem Hospiz, gepflegt.

Ich schreite den Gang entlang, steuere am Ende auf drei Zimmer zu. Hinter den weißen Türen leben Menschen, die ihrem Tod nahe sind. Die Vorstellung bedrückt mich. Ich bin 17 Jahre alt und habe wahnsinnige Angst vor meinem Tod und noch schlimmere Angst davor, dass jemand sterben könnte, den ich liebe.

Der Gedanke daran, dass ich gleich eine sterbende Frau kennen lerne, macht mir Angst. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Der Frau muss es grauenvoll gehen, denke ich. Ich will vor ihr nicht anfangen zu weinen, denn ich will ihr nicht zu nahe treten oder sie verletzen.

Als ich die Türklinke herunterdrücke, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich fürchte, einen Menschen zu erblicken, der zerbrechlich und traurig im Bett liegt. Aber es kommt anders. Ich sehe eine Frau, die in einem bequemen Sessel in der Ecke eines gemütlichen Zimmers sitzt und Zeitung liest. Sie wirkt alles andere als „halb tot“: Ihre blauen Augen sind die eines Mädchens, aufgeweckt und klar. Nur ihr Körper zeigt Alter und Verfassung.

Meine Angst ist nicht gewichen. Die arme Frau!, schießt es mir durch den Kopf. Wie muss es sein, zu wissen, dass man bald sterben wird? Doch sie ist gefasst. „Zu Hause habe ich keine Luft bekommen“, erzählt sie. Weil sie alleine lebte, habe sie große Angst gehabt. Im Hospiz genieße sie die Zuwendung der Pfleger. Jetzt sei die Atemnot kaum noch ein Problem. Sie fühle sich von Tag zu Tag gesünder – dabei war sie eigentlich zum Sterben gekommen.

Als eine Stimme hinter mir meinen Namen sagt, schrecke ich auf. Die Worte der alten Frau haben mich gefesselt. In ihrem Gesicht steht: Sie hat ihr Leben gelebt. Sie wirkt vollkommen.

Die freundliche Stimme gehört Pflegedienstleiterin Hannelore Schmid. Früher war sie Krankenschwester, erzählt sie. Weil sie Schwerkranke und Sterbende in einer würdevollen Atmosphäre betreuen wollte, begann sie ihre Arbeit im Hospiz, wo sie sich inzwischen seit zwölf Jahren engagiert.

Aber ist es nicht schwer, mit Sterbenden zu arbeiten? „Die Konfrontation mit dem Thema Tod kostet unheimlich viel Kraft“, erklärt sie, „aber es ist eine dankbare Aufgabe. Die Patienten lehren mich viel. Sie schenken Vertrauen und zeigen Größe in ihrer Gelassenheit, Tapferkeit und Schicksalsannahme.“

Als die schwere Holztür des Hospizes zu fällt, zittere ich. Die Tränen, die ich bisher zurückhalten konnte, laufen meine Wangen herab. Das Wort Tod jagd mir nicht mehr solche Angst ein. Ich bin einfach traurig.

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: Solinger Tageblatt
Wann: 17.01.2009

14. März 2009

WEIHNACHTEN

Das Engelskirchener Christkindbüro

Von Carolin Berendes

„Vür das Kriskind: Ferngeschdojetdes Auto grün rot, Bafüm, Elienfabrig, Hanschue, Sbongebob, ein Tschib, Rakete, Malenachzalen.“ So wie der Brief des kleinen Dominik, oder so ähnlich sehen die Briefe aus, die zu Tausenden täglich das Christkindbüro in Engelskirchen im Bergischen Land erreichen. Nicht nur Dominik, dessen Wunschzettel zu verstehen allein schon allerhand Kreativität abverlangt, wünscht sich dieses Jahr zu Weihnachten seine Geschenke vom Engelskirchener Christkind. Auch Lydia, Nico, Attila, Annika, Tom und zehntausende andere Kinder und solche, die es gerne noch wären, haben bereits in diesem Jahr an das Christkind geschrieben, mit der Bitte, all ihre Wünsche zu erhören und – wenn möglich – umzusetzen.

Seit 1985 gelangen alle Briefe, die „An das Christkind” adressiert sind, nach Engelskirchen, wo es sich ehrenamtliche Helfer zur Aufgabe gemacht haben, jedem Kind eine Antwort zukommen zu lassen. „Das können auch schon mal 130 000 Wunschzettel werden, die wir beantworten müssen“, lächelt Birgit Müller, die seit 15 Jahren zu den Ehrenamtlichen gehört. Dabei fing das alles ganz harmlos an, erzählt die 48-jährige: „Mein Mann war 1985 noch bei der Post in Engelskirchen beschäftigt und erzählte eines Abends, sie hätten einen Brief an das Christkind bekommen. Weil sie nicht wussten, was sie damit machen sollten, öffneten sie den Brief, beantworteten ihn und schickten ihn zurück. Wenn in den darauffolgenden Jahren irgendwo im Land wieder Briefe an das Christkind auftauchten, wurden sie nach Engelskirchen geschickt. Hier kannte man ja schließlich dieses Problem. Also wurden Postbeamte in der Weihnachtszeit dazu eingesetzt, diese Briefe zu beantworten. Es wurden von Jahr zu Jahr immer mehr Wunschzettel und als schließlich sogar die Presse darüber berichtete, konnte das Postpersonal die Massen nicht mehr bewältigen. Mein Mann fragte mich, ob ich nicht beim Beantworten helfen wollte und seitdem bin ich dabei“, freut sich die Mutter dreier Kinder.

Mit den immer mehr werdenden Wunschzetteln werden es auch immer mehr Mitarbeiter, die sich jedes Jahr ab Mitte November ganz der Christkindaufgabe zuwenden. Das Christkindbüro, oder auch Weihnachtspostamt genannt, wurde im Dachgeschoss des alten Baumwollagers des Industriemuseums eingerichtet und ist direkt neben dem Engelskirchener Rathaus zu finden. Zutritt bekommt aber nicht jeder. Zwei Tage im Jahr ist jedoch das Weihnachtspostamt für alle geöffnet und die Kinder haben die Möglichkeit, ihren Wunschzettel dem Christkind persönlich zu überreichen.

In dem alten Fachwerkhaus ist in den Wochen vor Weihnachten der Teufel los. Meterhoch türmen sich die gelben Postkisten an den Wänden, in denen sich die frisch eingetroffenen Wunschzettel befinden. „Zu Stoßzeiten sind hier 20 Mitarbeiter beschäftigt. Kurz vor Weihnachten werden hier täglich auch acht Stunden und mehr gearbeitet. Wir hatten schon acht- bis zehntausend Briefe am Tag, da sind wir alle voll im Einsatz!“, erklärt die freundliche Frau mit den kurzen mittelbraunen Haaren.

Beim Lesen und Beantworten der Briefe herrscht eine vorweihnachtliche Atmosphäre. Es wird Kaffee getrunken, Christkindkekse werden gegessen und hin und wieder ist ein begeistertes „Ooh, guck mal hier!“ zu vernehmen, wenn wieder ein besonders schöner Wunschzettel gesichtet worden ist. Der alte Dachboden ist festlich geschmückt: An den dunklen Dachbalken hängt Tannengrün, verziert mit Lichterketten und Tannenbaumschmuck. An den Tannenzweigen, die von einer Wand zur anderen gespannt sind, hängen gemalte, gebastelte und beklebte bunte Wunschzettel. Auf dem Holzboden sind die Schritte der eifrigen Helferinnen zu hören, die immer wieder einen besonders schönen Wunschzettel auf den festlich geschmückten Tisch am Ende des Raumes legen. Dieser funkelt und glitzert von all den Verzierungen, die sich die Kinder haben einfallen lassen. „Viele Kinder basteln dem Christkind sogar kleine Geschenke. Adventskalender, Ketten, kleine Engel…“, berichtet Birgit und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Neben dem Wunschzetteltisch steht ein alter heller Schreibtisch mit einem ebenso alten Stuhl und einer großen Standuhr. „Das ist der Tisch vom Christkind“, erklärt die Frau in dem hellblauen Rollkragenpullover. „Hier finden dann die Pressetermine statt.“ Inmitten all der weihnachtlichen Idylle stehen neun Tische, zu Gruppentischen zusammengeschoben, bestückt mit insgesamt sechs Flachbildschirmen. Selbst das Christkind kann nicht alle Briefe per Hand schreiben.

„Jeden morgen kommen hier große gelbe Kisten an. Wir öffnen jeden einzelnen Brief und lesen ihn. Wir schreiben nicht nur die Adresse auf und setzen sie auf ein standardisiertes Schreiben. Alle Briefe werden hier wirklich gelesen! Sonst wäre ja die ganze schöne Idee für die Katz’“, erläutert Birgit Müller ihre Arbeit. Dass das Schreiben mittlerweile aber ein standardisiertes ist, stört die gebürtige Engelskirchenerin nicht: „Ein persönlicher Antwortbrief ist einfach nicht machbar. Wir wollen lieber jedem Kind ermöglichen, Post vom Christkind zu bekommen und nicht nur einigen Kindern.“

Die Briefmarken der ankommenden Briefe werden abgetrennt und an gemeinnützige Vereine gespendet. Birgit, die sonst nebenberuflich in einem Museum arbeitet, freut sich über das Nicht-Kommerzielle an diesen Briefen. Weihnachten fand sie vor ihrer Arbeit als zu konsumorientiert. „Aber wenn man dann sieht, wie die Kinder die Wunschzettel gestalten, wird man eines Besseren belehrt. Die Kinder werden weltoffener. ‘Was passiert mit den Kindern in Entwicklungsländern? Mach doch, dass es ihnen gut geht’, lesen wir häufig. Oder, ‘mach dass Oma schnell gesund wird’, ‘der Papa aufhört zu rauchen’, ‘dass alle Arbeit haben’ usw. Auch der 11. September hat viele Reaktionen ausgelöst. Mit eigenen, kindlichen Worten wurde das Christkind um Frieden gebeten“, erzählt Birgit. Das sei früher nicht der Fall gewesen. Jeder hätte sich einen Computer gewünscht. „Wenn dann doch von Frieden die Rede war, wirkte es so, als habe die Mutter das schnell noch hinzudiktiert. Aber das hat sich verändert. Es wird sich auch wieder konventionelles Spielzeug gewünscht: Tierfiguren, Autos, Fahrräder oder Schlitten. Auch Nintendo, aber eben nicht nur. Und Schnee, ganz viel Schnee.“

Hin und wieder verirren sich auch Briefe an den Weihnachtsmann nach Engelskirchen. Wie der von Tom, der sich Briefmarken wünscht und seiner Mutter „das beste Kartoffelpufferrezept“, das das Christkind kennt. Seinen Antwortbrief möchte er gerne an „Herrn Tom“ bekommen. Auch diese Briefe beantwortet das Christkind gerne, sofern eine richtige Adresse dabei liegt. „Leider vergessen manche Kinder, ihre Adresse mitzuschicken. Das sind oft so tolle Briefe, aber wir können dann leider nicht antworten!“, bedauert Birgit.

Nicht jeder beschreibt so präzise wo er wohnt, wie Lisa, die gegenüber der Bäckerei Sippel wohnt, wo die Mama vom Torwart Sippel arbeitet, weswegen die Bäckerei auch Sippel heißt. Lisa möchte vom Christkind keinen Wunsch erfüllt bekommen, sondern lediglich wissen, ob es wirklich Flügel hat und ob es schwer ist, die vielen Pakete zu tragen. Außerdem lädt das Mädchen mit dem pinken Diddlepapier das Christkind zum „Kaffeetringen“ ein. Zu den kleinen Schreibern zum Kaffeetrinken zu kommen, könnte sich für das Christkind jedoch als schwierig herausstellen. „Letztes Jahr haben wir Briefe von Kindern aus 58 Nationen bekommen. Aus Australien, Brasilien, Uganda, Japan, Chile und und und“, erzählt Birgit. „Wenn die japanischen Kinder allerdings mit japanischen Schriftzeichen schreiben, kommen wir hier schon mal ins Schwitzen!“, lacht die Oberbergerin.

Engelskirchen hat eigens für die Christkindpost eine eigene Postleitzahl eingerichtet. An das Christkind, 51777 Engelskirchen lautet die Adresse. Der Antwortbrief ist mit einem besonderem Weihnachtspoststempel bedruckt, der jedes Jahr anders aussieht und bei Sammlern sehr beliebt ist. An das Christkind schreiben aber nicht nur Sammler und Grundschulkinder. „Teens, die gerne ihren Schwarm erobern möchten, bitten das Christkind auch um Mithilfe. Oder Männer, die sich ihre Traumfrau wünschen. Die älteste Schreiberin war jedoch 99 Jahre alt“, schmunzelt Birgit. „Viele Senioren schreiben an das Christkind. Manche, weil sie die Tradition so schön finden, andere weil sie nicht mehr so viel Post bekommen.“

Manche Kinder schreiben auch jedes Jahr. So wie Max, der sich erst ein kleines Brüderchen wünschte, sich im darauffolgenden Jahr artig bedankte, dass er eins bekommen hat und höflich fragte, ob das Christkind es denn wieder abholen könnte, es würde so viel schreien.

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: nein

14. März 2009

GASTARBEITER

Lebensabend fern von Anatolien

Sie kamen vor 30, 40 Jahren. Jetzt sind sie alt geworden. Für viele ihrer Familien stellt sich die Frage: zu Hause pflegen oder in Einrichtungen geben? Besuch im ersten deutschen Pflegeheim für türkische Rentner.

Von Jan Thomas Otte

Es duftet nach frischem türkischem Tee. Warm und gemütlich ist es hier, der Raum ist geschmückt mit roten Polstern, orientalischen Malereien und Bildern eines türkischen Markts. Ein eher kühl wirkendes Altenheim mit langen, sterilen Fluren sieht anders aus. Das will die größte Wohngemeinschaft Deutschlands für Pflegebedürftige türkischer Herkunft auch nicht sein. Laut plärren Fernseher bis in den Flur des Berliner „Türk Bakim Evi“. Gerade läuft ein türkisches Magazin über den Islam. Trotzdem sitzen einige Rentner eher gelangweilt und leicht schläfrig auf ihren Kissen. Andere unterhalten sich bereits am frühen Morgen angeregt über Familie, Politik und die harten alten Zeiten als Gastarbeiter in der Textilfabrik.

Gemeinsam mit anderen Bewohnern sitzt Ziya Bircan im Wohnzimmer und schaut ebenfalls fern. Der Mann, Mitte sechzig, kam vor knapp einem Jahr in das Haus. Das war nach seinem Herzinfarkt. Seitdem gehört er zu den rund fünfzig Menschen, die hier nach ihren türkischen Bräuchen und Sitten im Alter leben. Das bedeutet zum Beispiel, dass Männer nur von Männern und Frauen nur von Frauen gepflegt werden. Ziya Bircan ist das wichtig. Er ist einer der ehemaligen Gastarbeiter, die vor mehr als vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, auf eigenen Wunsch, um hier gut bezahlte Arbeit zu bekommen. Es waren auch finanzielle Gründe, die Bircan über Umwege mit viel Glück ins Land lockten. Eine junge Liebe sorgte dafür, dass er blieb. Der zweifache Vater erinnert sich gern an die turbulenten, aufregenden Jahre.

Den Nachmittag im Frankfurter Tanzcafé wird er dabei nie vergessen, als er sich in die junge Frau verliebte, die er später auch heiraten sollte. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er daran zurückdenkt. Damals habe er etwas von der Welt sehen wollen. Zuerst arbeitete Ziya Bircan bei Frankfurt in einer Fabrik. Einige Jahre später zog er nach Berlin – wegen seiner Frau. Deshalb, sagt er, sei er geblieben.

Bis zu einem Herzinfarkt Anfang der Neunzigerjahre hat er an der Spree gearbeitet. Die Krankheit kam plötzlich, er wurde frühverrentet. Ein Fernsehbericht habe ihn dann auf das türkische Heim aufmerksam gemacht.

Über seine Ängste vor der Krankheit und die Erinnerungen an früher kann Ziya Bircan mit Yildiz Akgün sprechen. Sie ist Sozialarbeiterin im „Türk Bakim Evi“ und weiß, was die alten Menschen besonders nötig haben. Sie erlebt, dass viele Familien mit ihren pflegebedürftigen Eltern überfordert sind. Doch es falle Angehörigen schwer, einen pflegebedürftigen Menschen ins Heim zu bringen, sagt die Frau in fürsorglichem Ton. Es ist deshalb ihre Aufgabe, den jüngeren Türken die Altenpflege ihrer Angehörigen näherzubringen.

Akgün will fürs eigene Haus Vertrauen schaffen, den Betroffenen klarmachen, dass die Pflege der Eltern auch „auf eine gesündere Art“ zu machen ist. Gesünder, als die Pflege wie üblich allein der Frau zu überlassen, sagt die freundliche Sozialarbeiterin. Besonders konservative Türken glaubten, die Eltern verlören gegenüber der Gesellschaft das Gesicht, wenn sie „ins Altenheim abgeschoben werden“. Zahlreiche Alte würden deshalb noch zu Hause gepflegt, was „nicht immer ein Vorteil ist“.

Für viele der rund 270 000 lebenden Türken in Berlin ist der Gedanke, die Eltern ins Pflegeheim zu geben, ein Tabu. Deshalb geht Yildiz Akgün auch hinaus in die Berliner Moscheen, zeigt ihre Powerpoint-Präsentationen vom Laptop und spricht anschließend mit den türkischen Familien über die Probleme mit den Eltern. Yildiz Akgün kann die meisten gut verstehen. Die Hürde der Scham sei nicht leicht zu umgehen. Um Spannungen in der Familie zu vermeiden, würden die Frauen die Pflege der Eltern meist doch komplett übernehmen. Viele Frauen würden erst durch die Hochzeit nach Deutschland kommen – ein „ganz normales Opfer“, sagt Akgün: „Die Familie geht davon aus, dass die Frau das macht.“ Die anschließenden familiären Verpflichtungen folgen ganz selbstverständlich.

Bei Yildiz Akgün selbst war es ähnlich: „Natürlich ist das Thema auch bei uns zu Hause ein Tabu gewesen“, erinnert sie sich. Lange Zeit konnte die Frau, die heute selber als Aufklärerin in Sachen Altenpflege unterwegs ist, so mit ihrem eigenen Vater nicht darüber sprechen. Doch sie hat aus ihrem Schicksal gelernt. Wenn Menschen älter werden, weiß Akgün, kommt es vor allem auf ihre Sprache, Kultur und Religion an, mit der sie groß geworden sind. Man kehrt zu seinen Ursprüngen zurück, das Langzeitgedächtnis hat größeres Gewicht. Die türkischen Männer und Frauen erinnern sich dann eher an ihre Jugend in Anatolien als an den Tag zuvor in Berlin.

Weil das Leben in der Türkei lange zurückliegt, ist es den wenigsten möglich, wieder zurück in die alte Heimat zu gehen. Viele Alte haben zwar noch Verwandte in der Türkei – trotzdem sind sie fremd und einen Sozialhilfeanspruch haben sie auch nicht.

Die anfänglichen Vorbehalte in der Türkischen Gemeinde zu Berlin gegenüber dem Pflegeheim sind inzwischen leiser geworden. Sie ist Mitgesellschafter des Hauses. Seit einigen Monaten kommen mehr neue Bewohner ins Heim als zur Zeit der Eröffnung. Die Diskussion über die Zukunft der Eltern sei etwas leichter geworden, heißt es auch aus der Türkischen Gemeinde. Im Heim arbeiten nur zweisprachige Mitarbeiter, alle von ihnen haben selbst türkische Verwandte. Von den rund 150 Betten des bundesweiten Pilotprojekts ist jedoch bislang erst ein Drittel belegt.

Neika Kaba-Retzlaff, die Leiterin des Pflegeheims, überrascht das nicht. „Es liegt daran, dass wir die erste Einrichtung dieser Art sind. Deshalb wissen viele türkische Menschen von diesem Angebot noch nichts“, sagt die zierliche Frau im Hosenanzug, mit akkurat geschnittener Frisur und einem ernsten Auftreten. Ein weiterer Grund: Pflegebedürftige Menschen gibt es in den türkischen Familien in Deutschland erstmals. „Unsere Bewohner gehören zur ersten Generation türkischer Einwanderer. Sie sind die Ersten von uns, die alt werden. Wir haben in Deutschland keine Vorbilder“, so Kaba-Retzlaff.

Harald Berghoff, Geschäftsführer des Pflegeheims, ist ganz einer Meinung mit Neika Kaba-Retzlaff. „Man muss sehen, dass unsere Bewohner seit dreißig, vierzig Jahren in Deutschland leben. In dieser Situation mit neuen Integrationskonzepten zu beginnen bringt nichts. Da ist der Zug abgefahren.“ Bei einem Menschen, der nach Jahrzehnten noch nicht integriert ist, müsse man heute nicht mehr versuchen, ihn „auf seine letzten Lebensjahre noch zu integrieren“, sagt Berghoff bestimmt.

Ob Sunniten oder Schiiten, Aleviten oder Kurden – verschiedene Ausrichtungen des Islam friedlich unter einem Dach zusammenzuführen, das klappt im Berliner Altenheim bereits. „Wir sind ein Haus für Menschen aus der Türkei“, sagt Akgün. Christen seien hier ebenfalls willkommen, wenn auch nicht explizit eingeladen, so die Sozialarbeiterin. Entsprechend wohnen derzeit hier ausschließlich Männer und Frauen islamischen Glaubens – bis auf zwei Christinnen, die jede mit einem Muslim verheiratet waren. Sie finden freilich keine Kapelle in den Räumlichkeiten wie sonst in deutschen Altenheimen üblich. Stattdessen lädt eine Moschee im Kleinformat, ein Gebetsraum, zum Innehalten ein. Regelmäßig hält ein Berliner Großmufti Gottesdienste. Das sei, betont Geschäftsführer Harald Berghoff, aber ein freies Angebot. Es komme schließlich weniger auf die Religion als auf den Menschen selber an: „Jeder Mensch, der sich bei uns wohlfühlt, ist herzlich willkommen.“

Natürlich ist auch der Speiseplan an religiösen Gesichtspunkten ausgerichtet. Ein türkischer Koch bereitet das Essen zu, er verzichtet auf Schweinefleisch und Schweinefett, alle Lebensmittel sind koscher zubereitet. Und im Fastenmonat Ramadan werden die Mahlzeiten, so der Einzelne es wünscht, nach Sonnenuntergang serviert. „Aber selbstverständlich ist auch das Nutellabrötchen auf Wunsch realisierbar“, ergänzt der Geschäftsführer.

Das neue Haus wirkt indes weit in die türkische Gemeinschaft in Deutschland hinein. Für Berghoff krempelt es die Gespräche unter Türken über die Altenpflege geradezu kräftig um. Vergleichbar sei das mit der deutschen Diskussion der Achtundsechziger, seit der es „nichts Schlimmes“ mehr ist, auch seine eigenen Eltern, Opa und Oma in professionelle Pflege zu geben. „Wir haben Bewohner aus Kiel, aus Bielefeld, aus Fulda und München, aus ganz Deutschland eben“, erklärt Berghoff die bunte Mischung der Bewohner.

Im Sinne der Qualitätssicherung sieht er den langsamen Aufbau des Hauses als „eine ganz hervorragende Sache“ an. Jeder Bewohner, der in die Einrichtung kommt, soll persönlich und individuell aufgenommen werden. „Wir haben es mit individuellen Biografien zu tun, müssen also sehen, wo kommt der Mensch her, was mag er, was vielleicht nicht.“ Zwei Jahre hat sich das Haus gesetzt, um das Heim voll auszulasten. Dann sollen die Erfahrungen, die in dem Pilotprojekt gesammelt werden, in weiteren deutschen Großstädten umgesetzt werden: im Ruhrgebiet, in Frankfurt oder Köln. Auch dort werden dann einmal neue Heime alten Türken Heimat geben.

Kaum Kenntnis über Sozialleistungen

In Deutschland leben derzeit 1,764 Millionen Türken, davon haben bereits 95.000 das Rentenalter erreicht. Die Zahl der deutschen Staatsbürger türkischer Abstammung liegt bei rund 840 000. Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik derzeit etwa 2,6 Millionen Menschen türkischer Abstammung. Der Bedarf an Pflegeeinrichtungen für türkische Senioren wird stark wachsen. Der Anteil der Türken im Alter über 60 Jahre hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren von 52 200 auf 192 500 Personen fast vervierfacht. Sie sind mit 26 Prozent die größte Gruppe von Ausländern in Deutschland. Der Trend zur Auflösung der typisch türkischen Großfamilie ist erkennbar. Die meisten Familienmitglieder sind mittlerweile berufstätig und können ihre Angehörigen nicht mehr pflegen.

Nach einer Prognose des Senators für Stadtentwicklung in Berlin über die Bevölkerungsentwicklung vom Jahr 2002 bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der in Berlin lebenden Ausländer um etwa 75 000 wachsen. Wie viele Türken hierzulande in Pflegeeinrichtungen leben, darüber liegen keine Zahlen vor. Bezogen auf die Kommune Berlin gibt es folgende Zahlen: In 270 Berliner Pflegeeinrichtungen wurden 2003 nur 40 Türken betreut (ergänzende Zusatzerhebung der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales). Türkische Senioren und deren Angehörige sind über die eigenen rechtlich gesicherten Ansprüche an das deutsche Pflege- und Sozialversicherungssystem und über das Pflegeangebot wenig informiert. Zugangsbarrieren sind Verständigungsprobleme, aber auch Hemmungen vor deutschen Institutionen und Unsicherheiten über rechtliche Konsequenzen bezüglich der Sozialleistungen.

Die Migranten nehmen die deutsche Regelversorgung nicht voll in Anspruch. Es zeichnet sich jedoch eine Zunahme bei der Nutzung von ambulanten türkischen Pflegediensten ab. Deutsche Anbieter haben bislang kein individuelles Angebot für Türken geschaffen und den Bedarf dieser potenziellen Klientel nicht berücksichtigt. Außer dem „Türk Bakim“ gibt es in Deutschland bislang keine rein türkischen Pflegeeinrichtungen und Pflegekonzepte.

Seit dem Jahr 2000 arbeiten politische Gremien mit Altenpflege-Institutionen und Pflegeverbänden im Arbeitskreis „Charta für eine kultursensible Altenpflege“ und seit 2002 in der „Kampagne für kultursensible Altenhilfe“ zusammen. Hier wurde von den Beteiligten die Forderung nach einer „interkulturellen Öffnung“ der deutschen Pflegeeinrichtungen erhoben. Greifbare Ergebnisse bezogen auf die Integrationsbemühungen der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung sind jedoch bislang noch nicht erreicht worden.

Kontakt: Türk Bakim Evi Pflegeeinrichtung Berlin-Kreuzberg, Methfesselstraße 43, 10965 Berlin, Telefon 0800/474 72 07.
Internet: www.bakimevi.de

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: Rheinischer Merkur
Wann: 24.04.2008

14. März 2009

LEBEN

Niemanns Platz

Nach der Wende hat der Schmied Hendrik Niemann den Boden unter den Füßen verloren. Und nie wieder Halt gefunden.

Von Lea Hartwich

Seine Lippen umschließen die Mundharmonika. Mühsam pressen sie einige Laute heraus. Die Töne klingen schrill, eine Melodie gibt es nicht, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Für Hendrik Niemann ist die Mundharmonika eine Möglichkeit eine andere Zeit wieder lebendig zu machen. Eine Zeit, die vielleicht nicht gut, aber trotzdem besser war. Eine Zeit, in der sein Leben noch in Ordnung war.

Niemann sitzt auf einer Bank in der Innenstadt von Magdeburg. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert den Rauch tief und genüsslich. Sein Gesicht ist braun gebrannt und zerfurcht, das braune Haar und der Vollbart schon von Grau durchzogen. Es ist ein Gesicht, dem man seine Geschichte ansieht. Er trägt zerschlissene Jeans und ein khakigrünes T-Shirt, schwarze Flipflops an den schmutzigen Füßen. Die Mundharmonika in seinen rauen Händen ist alles was er dabei hat, abgesehen von Zigarettenschachtel und Bierflasche. Beides vermischt sich zu dem Geruch, der ihn ständig umgibt. Ein Geruch, der in der Nase sticht. Irgendwann um die Mittagszeit ist er gekommen, es ist nicht die erste Bierflasche seitdem, das gibt er zu.

Was ihm in seinem Leben noch geblieben ist? Bier ist spontan das einzige, was ihm einfällt. Es bleibt auch das einzige. „Ich häng halt hier rum. Und Flaschensammeln mach ich.“ Pfandflaschen helfen dem Langzeitarbeitslosen, das Hartz IV-Geld ein wenig aufzubessern, das Bier hilft aus der Ödnis des Alltags.

„So sieht mein Tagesablauf aus“, sagt er. Seit wann? „Schon ewig!“ Ewig bedeutet in seinem Fall seit der Wende. Hendrik Niemann ist Schmied. Zu DDR-Zeiten hat er in einem der zahlreichen Metallverarbeitungsunternehmen gearbeitet, die damals in Magdeburg angesiedelt waren. „Da konnste von leben“, sagt er. Sein Blick schweift in die Ferne, während er erzählt. Es ist lange her, dass er darüber nachgedacht hat und noch länger, dass er darüber gesprochen hat. Das alles kommt ihm vor wie eine andere Welt. Eine Welt in der er eine Wohnung hatte, eine Freundin und ein Kind. Er war zufrieden mit seinem Leben, die Arbeit als Schmied machte ihm Spaß.

Das Erzählen fällt ihm nicht leicht. Er ist unruhig, sagt lange Zeit nichts, betrachtet die Bilder, die er heraufbeschworen hat, vielleicht verscheucht er sie auch. Er überlegt, schiebt immer wieder die blaue Mütze auf seinem Kopf zurecht. „Mit der Wende kam nur Scheiße für mich.“ Die meisten Firmen in der Metallbranche wurden geschlossen, sein Arbeitsplatz war auf einmal weg. Zuerst hatte der 54-Jährige Glück. Eine Privatfirma stellte ihn ein. „Das war aber nichts. Fünf Jahre später waren die auch pleite. Auf einmal gab es in der Branche keine Arbeit mehr“, sagt Niemann. Das kam für ihn wie ein Schlag aus dem Nichts. Seine Ausbildung, die er immer für sicher und solide gehalten hatte, war plötzlich überhaupt nichts mehr wert. Niemann war von dieser Entwicklung völlig überrumpelt, er verpasste seine Chancen, lernte nichts anderes. „Und auf einmal stand ich da.“

Mittlerweile erwartet Niemann nicht mehr viel von der Zukunft. „Ich mach mir da keine Illusionen. Mit fünfzig gibt dir keiner mehr Arbeit.“ Es klingt, als hätte er sich mit seiner Situation arrangiert. Glücklich sieht er nicht aus. Er hat auch kein erfülltes Leben. Aber es geht halt irgendwie.

Ein Schluck aus der Bierflasche, wieder dieser Blick, der abschweift, in eine Zeit, um die er immer noch trauert. „Ich hab immer gedacht, das wird schon wieder, Schmied ist doch ein Beruf, der immer gebraucht wird.“ Aber auf einmal ging es Schlag auf Schlag. Hartz IV, Wohnung weg, Freundin weg. Sie hatte genug von Magdeburg und der Perspektivlosigkeit. Hendrik Niemann wollte nicht weg. „Magdeburg ist eine schöne Stadt“, sagt er. Vor allem ist es seine Stadt. Er will hier bleiben, trotz allem. Seine Lebensgefährtin hat er nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört. Ihre Tochter hat sie mitgenommen. Niemann weiß nichts über das Mädchen und auch wenn ihn das manchmal traurig macht, ist er doch froh, dass auch sie nichts über ihren Vater weiß. Es ist ihm lieber so. „Die muss ja nicht sehen, was ich hier mache.“

An seinen eigenen Vater erinnert er sich gerne. Auch der war Handwerker, doch seine Liebe gehörte abends der Musik. Die Mundharmonika war seine Art der Ablenkung von der harten Arbeit. Der Sohn hörte ihm damals nur zu. „Ich bin völlig unmusikalisch“, gesteht Hendrik Niemann mit dem leichten Anflug eines Grinsens. Trotzdem trägt er das Instrument immer bei sich. Nicht, weil er die Musik liebt. Sondern die Erinnerung.

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: Mercury (Jugendzeitschrift des Rheinischen Merkur)
Wann: 30.09.2008

14. März 2009

KRIEGSGENERATION

Nur wer die Geschichte kennt, kann helfen

Wer heute um die 80 Jahre alt ist, hat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erlebt. Auch bei Demenzkranken kann die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen Jahrzehnte später Angststörungen hervorrufen. Viele Altenpfleger haben nie gelernt, damit umzugehen. Die sogenannte Biographiearbeit kann hier viel leisten.

Von Vanessa Wormer

Der gelernte Altenpfleger Detlef Rüsing hatte keine Ahnung, wie er reagieren sollte. Damals, als er mit Patienten musizierte. Und ein Demenzkranker plötzlich ein SS-Lied anstimmte. „Ich habe geschockt den Raum verlassen“, sagt der 41-jährige Herausgeber der Pflegefachzeitschrift „pflegen: Demenz“ und Leiter des Dialogzentrums Demenz an der Universität Witten. „Ich war weder darauf vorbereitet noch konnte ich damit umgehen“, erklärt er. So geht es vielen Altenpflegern, aber auch Angehörigen, die Ähnliches erlebt haben. „Heute weiß ich, dass keine bösartigen Gedanken dahinter stecken“, sagt Rüsing. Es sei einfach nur auf die Demenz zurückzuführen gewesen. Denn: Ein Großteil der derzeitigen Pflegeheimbewohner sind sogenannte Kriegskinder. Sie haben den Zweiten Weltkrieg, ob als Täter oder Opfer, miterlebt. Auch bei einer Demenzerkrankung können Erinnerungen an den Krieg wach werden. Und anders als Gesunde sind Demenzkranke dann nicht in der Lage diese Erinnerungen einzuordnen und zurückzuhalten. Ein SS-Lied kann da noch eine harmlose Äußerung sein. Viele Demenzkranke kämpfen mit Angstgefühlen.

„Es ist wichtig zu verstehen, dass auch viele Deutsche, trotz ihrer Schuld, ein Opfer des Zweiten Weltkriegs waren“, erklärt Rüsing. Ein Viertel aller deutschen Kinder wuchs nach dem Krieg ohne Vater auf. Die Zahl der vergewaltigten Frauen und Mädchen wird auf 1,9 Millionen geschätzt (Zahlen nach Professor Hartmut Radebold aus Kassel). Viele dieser traumatisierten Menschen leben heute mit einer Demenz. Im Zuge der deutschen Schuldfrage hatten die traumatisierten Kriegskinder kaum eine Chance, das Geschehene aufzuarbeiten. Die Demenz konfrontiert sie nun mit nicht verarbeiteten Ängsten und Erinnerungen. „Manche Demenzkranken wachen beispielsweise nachts auf und wollen unbedingt in den Keller, weil sie denken, es sei ein Bombenangriff“, erzählt Rüsing. In diesen Momenten sei es wichtig, dass die Pflegenden die Wahnvostellungen nicht als Unfug abtun, sondern den Demenzkranken beruhigen, seine Hand halten und ihm Sicherheit geben. „Natürlich braucht man das Spiel nicht mitzuspielen, aber man sollte die Ängste ernst nehmen“, sagt Rüsing.

Doch das Pflegepersonal und auch die Angehörigen können die Ängste und Traumata der Demenzkranken nur ernst nehmen, wenn sie davon wissen. „Wenn ich das Geburtsdatum des Demenzkranken kenne, weiß ich schon viel über seine Geschichte“, erklärt Rüsing. Vorausgesetzt, das Pflegepersonal kennt geschichtliche Rahmendaten. Rüsing findet es deshalb wichtig, dass das Pflegende in der Lehre auch vermittelt bekommt, was im Leben der Patienten eine Rolle gespielt haben könnte. „Wann der Zweite Weltkrieg war, sollte man schon wissen“, meint er.

Das heißt, das Pflegepersonal kann die Ängste der Demenzkranken nur verstehen, wenn es vorher Biographiearbeit leistet. „Dieses Thema kommt leider noch viel zu kurz“, glaubt Rüsing. Zwar sei die Forschung auf diesem Gebiet schon sehr weit und die Biographiearbeit auch anerkannt. Leider fehle aber weitestgehend die Finanzierung in der Praxis. „Jeder Altenpflegeauszubildende sollte lernen, mit der Biographie eines Demenzkranken zu arbeiten. Dann kann er auch besser mit den traumatischen Ängsten der Demenzkranken umgehen.“ Heißt: Wenn eine 80-jährige Demenzkranke nachts immer in den Keller flüchten will, kann es wichtig sein, zu wissen, dass sie in Dresden aufwuchs. Manche demenzkranke Frauen bekommen auch Panikattacken, wenn ein männlicher Pfleger die Intimpflege durchführt: Der Hintergrund kann hier eine Vergewaltigung zu Kriegszeiten sein. Doch nur wenn die Pflegekräfte dies in Betracht ziehen, können sie ihr Wissen in die Pflege einbauen und Demenzkranken die Erinnerung ersparen, meint Rüsing.

Biographiearbeit kann jedoch auch wichtig sein, um gezielt positive Erinnerungen zu wecken. Demenzkranke erinnern sich besonders intensiv an die Zeit zwischen ihrem 20. bis 40. Lebensjahr. „Hier können die Mondlandung oder die Olympischen Spiele 1972 prägnante Ereignisse sein, die freudige Gedanken hervorrufen“, sagt Rüsing.

Der publizierte Wettbewerbsbeitrag wurde durch einen INFOKASTEN von Caroline Wörmann über das Posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) ergänzt (“Die vergessene Generation”)


Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Bericht
Publiziert: ja
Medium: Münchner Merkur
Wann: 11.09.2008

14. März 2009

KNASTLEBEN

Jung unfrei

Ein Zuhause auf 8,5 Quadratmetern, täglich eine Stunde Hofgang und 100 Gramm Nutella für zwei Wochen: Das ist Knastleben. SPIESSER-Autor Cornelius war drei Tage im Jugendgefängnis Adelsheim

Von Cornelius Pollmer

Ferienlager mit Wärterhäuschen

Die Sonne brennt vom knallblauen Himmel, die Luft steht. Es ist früher Abend im baden-württembergischen Adelsheim, kurz vor 17 Uhr und immer noch 34 Grad im kaum vorhandenen Schatten. Am Stadtrand schieben sich ein paar Russlanddeutsche gelangweilt einen Hacky-Sack hin und her, vor dem Streetball-Korb steigt ein körperbetontes „5 gegen 5“. Graue Wohnblöcke stehen abseits. Sieht aus wie ein Ferienlager, Marke kroatische Urlaubersiedlung, 70er-Jahre-Bausünde.

Ein kräftiger Typ in dunkelblauer Busfahrerhose schlurft zu einem Wärterhäuschen und greift zum Mikro: „In drei Minuten Hofgang-Ende“, blechert es aus Lautsprechern. Kein Feriendorf also, sondern der Jugendknast Adelsheim – mit 430 Plätzen die drittgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands. Die ausschließlich männlichen Insassen sind zwischen 14 und 23 Jahre alt und rücken durchschnittlich für elf Monate ein; die meisten sitzen wegen Diebstahls oder Drogen-Delikten (je 30 Prozent), andere wegen Körperverletzung (18 Prozent) oder Raub (14 Prozent), nur wenige wegen Mordes oder Sexualstraftaten.

Patrick, 18, Körperverletzung, räuberische Erpressung, 4 Jahre und 6 Monate

Es ist früh, kurz nach halb sieben. In der Küche des F-Baus, dem Haus für die schweren Jungs, holen sich Patrick und seine Zellennachbarn ihr Frühstück ab. Brot gibt es jeden Morgen, heute zusätzlich einen Joghurt. Alle zwei Wochen bekommen sie etwas über 100 Gramm Nutella, im Wechsel mit Marmelade – 2,44 Euro pro Häftling gibt die JVA am Tag für Lebensmittel aus.

Punkt 7 Uhr spucken die Wohnblöcke Gefangene aus, eine Barackensiedlung am Rande der Anstalt schluckt sie wieder. Hinter den Insassen werden alle Türen verschlossen. Doppelt.

Patrick steht jetzt in Halle P3 an einer schweren Drehmaschine. Der 18- Jährige macht eine Ausbildung zum Teilezurichter. 1,51 Euro die Stunde bekommt er hier, in Adelsheim ist das der Regelsatz. Mindestlohn, sozusagen.

Heute sind es Teile, die Patrick zurichtet, früher waren es auch mal Menschen. Mit 13 beging er seine erste Straftat. Jemand hatte ihn Hurensohn genannt. Schlägerei, Körperverletzung.

„Wer sich daran gewöhnt, der kommt auch wieder.“

Patrick machte weiter. Nach mehreren Bewährungsstrafen landete er schließlich in Adelsheim. „Es ist gerecht, dass ich hier bin. Aber das Strafmaß ist zu hoch – ich hätte mir drei Jahre gegeben“, sagt er. Trotzdem sei es gut, dass sie ihn rechtzeitig weggeschlossen haben. „Sonst wäre ich irgendwann vielleicht als Mörder hier rein gekommen.“

Sicher, diesen immergleichen Alltag, den findet Patrick „einfach scheiße“. Schlimmer aber ist, dass auch jene darunter leiden, die ihm wichtig sind. Seine Eltern etwa. Die Mutter weint auch nach zwei Jahren noch, wenn sie ihren Sohn besuchen kommt, vier Stunden pro Monat – mehr Besuch ist nicht erlaubt. Oder die Freundin, mit der Patrick zusammen ist, seit sie 14 waren. Sie rutschte in der Schule ab, hat sich jetzt aber gefangen. Auch sonst macht sich Patrick da keine Sorgen: „Meine Freundin ist ein anständiges Mädchen.“

Das ist es, was Patrick auch sein will: anständig. Von einem geregelten Leben träumt er, von einer Arbeit, Familie, Kindern. „Nichts besonderes, ein einfaches Leben eben“, sagt er. Das hier im Knast, das sei kein Leben. Da dürfe man sich gar nicht erst dran gewöhnen, nur anpassen. „Wer sich daran gewöhnt, der kommt auch wieder.“ Patrick hat Angst, dass auch er wiederkommen wird. Angst davor, „dass es weitergeht“, wenn er draußen ist. „Ich werde kein Engel sein, das ist sicher. Aber ich habe vor, ein geregeltes Leben zu führen.“

Michael, 18, räuberische Erpressung, 2 Jahre und 6 Monate

Nicht viel an Michael erinnert an einen Verbrecher. Hagerer Typ, braune Augen, buschige Brauen, Bartflaum. Er trägt weiße Stoffschuhe mit schwarzen Totenköpfen darauf. Alles wirkt harmlos. Dabei gab es eine Zeit, in der ist man Michael nachts lieber nicht auf der Straße begegnet. Mit seinen Kollegen lauerte er nahe Straßenlaternen Passanten auf. „Teure Anzüge, wie die von Gucci oder Prada, schimmern bläulich im Lichtkegel der Laternen“, sagt Michael. Und immer wenn es schimmerte, zog sich Michael die Maske runter. 30 Sekunden dauerte ein Überfall, wenn alles nach Plan lief.

Den Brief eines 18-jährigen Häftlings an seine Freundin, eine Preisliste des Gefängnisladens und das Interview mit dem Anstaltsleiter findet ihr auf SPIESSER.de, Webcode: @knast

Einmal lief es nicht nach Plan. Michael brauchte wieder Geld, wie jeden Tag 100 Euro für Heroin. Er war nicht nüchtern, machte einen Fehler, zack: Knast. „Dafür bin ich heute dankbar“, sagt er, „und mit dem Strafmaß habe ich sogar noch Glück gehabt.“ Eigentlich bekomme man für so was ein Jahr mehr. Doch Unglück im Glück: Als Michael, damals 16, verurteilt wurde, war seine 15-jährige Freundin im zweiten Monat schwanger. Die Geburt hat er sich im Knast auf DVD angeschaut und danach „das erste Mal seit vier Jahren geheult.“

„Wenn es hart auf hart kommt, wenn es um meine Familie geht, dann ist mir auch in Zukunft jedes Mittel recht.“

Gefängnis bedeutet, viel zu verpassen. Und das ist es, was Michael hier zu schaffen macht. Dieses Gefühl, machtlos zu sein, wenn ihn seine Freundin besucht, ihm im Besucherraum gegenüber sitzt und vom Ärger mit dem Jugendamt erzählt. Dieses Gefühl der Leere, wenn sie wieder mal fragt, wie es ihm nun verdammt noch mal gehe und Michael wieder nur mit den Schultern zuckt, wieder nur sagen kann, dass er das selbst nicht wisse.

Michael muss im hier nicht arbeiten, er darf in der „arbeitspädagogischen Gruppe“ schaffen. Gerade baut er an einer Modellbahnanlage. Der Bahnhof von Osterburken steht schon, jetzt pappt er Fließenkleber zu einem Wasserfall zusammen. Die Beschäftigung ist ihm auch deswegen lieb, weil er für ein paar Stunden am Tag nicht nachgrübelt – über seine Tochter, seine Tat, seine Zukunft.

Michael versucht oft, sich abzulenken. Er schreibt Briefe. An seine Mutter, mit der er eine Firma gegründet hat, die auf seinen Namen läuft und die zum florierenden Partyservice werden soll, wenn er endlich wieder raus ist und sein neues Leben beginnt. Er schreibt sich auch Briefe mit dieser Frau, bei der der Überfall nicht nach Plan verlief.

Er weiß, dass er es nicht leicht haben wird, Draußen. Und dass es gut sein kann, dass er Adelsheim im Dezember nicht für immer verlässt: „Kommt es hart auf hart, geht es um meine Familie, dann ist mir auch in Zukunft jedes Mittel recht.“

Fische im Gefängnis

Wer in Freiheit auf dumme Gedanken kam, der kommt es in Unfreiheit erst recht. Die JVA Adelsheim ist weitgehend glasfrei. Im Einkaufsladen auf dem Gelände gibt es keine Alu-Tuben, in deren Falz sich leicht Drogen verstecken ließen; und Klebeband ist auf den Zellen verboten, weil es das Pendeln erleichtert, also den Austausch von Drogen über Seilschaften entlang der Außenwände der Wohnblöcke. Drogen gibt es trotzdem, die gleichen wie Draußen, sagt ein Therapeut.

Insassen bilden Grüppchen. In Adelsheim gibt es die Russlanddeutschen, die Türken und beide sagen über die Deutschen, dass diese es schwer hätten, weil sie nicht zusammenhalten würden. Wer auf sich allein gestellt ist, kann schnell zum Fisch werden. So nennen sie hier die Schwächeren, die psychische oder handfeste Gewalt aushalten müssen. In Ruhe gelassen zu werden, kann dann teuer werden: bis zu zwei Dosen Tabak im Monat.

Abdurrahman, 22, Körperverletzung, 2 Jahre und 6 Monate

Durch das Fenster seiner 8,5 Quadratmeter großen Zelle sieht Abdu nicht viel mehr als eine vertrocknete Wiese. Der braune Lack der Gitterstäbe blättert mit der weißen Farbe des Fensterrahmens um die Wette; eine rote Gardine verdeckt den Verfall. Abdu sitzt auf seinem Bett, den Rücken zur Wand, und schaut sich um in diesem kleinen Quader Wohnraum, der so viel weniger bietet, als Draußen sein großes Zimmer mit dem vollen Kleiderschrank.

Eine Weltkarte hängt an der Wand, die Türkei ist rot eingefärbt, „da ist mein Ursprung, da will ich irgendwann hin zurück“. Daneben räkeln sich großflächig ein paar Halb-Nackedeis, ein Holzschnittdruck hängt gegenüber.

Abdu hat sich mit kleinen Dingen Privatsphäre geschaffen, so etwas wie ein Zuhause. Zwei Dinge bedeuten ihm besonders viel: Die Urkunde für seinen Realschulabschluss im Knast, Abschlussnote 1,8. Und der Kalender, auf dem alle Tage abgestrichen sind bis auf acht. In gut einer Woche kommt er raus.

Über das, was war, will er eigentlich nicht mehr reden. Weil er jetzt neu anfangen will. Früher ist Abdu fast jeden Abend durch die Clubs gezogen, hat pro Nacht zwischen 500 und 1.000 Euro auf den Suffkopf gehauen. Er und sein Kumpel, sie hätten „Party gemacht wie die Könige“ und wollten „den Großen raushängen lassen, Mädels beeindrucken“ – finanziert mit Muttis Kreditkarte. Das viele Geld aber half ihm nicht.

SPIESSER und Schauspieler Dirk Heinrichs, der regelmäßig mit jugendlichen Häftlingen arbeitet, gehen mit einer Schulklasse in den Knast, um hinter die Gitter zu schauen. Bewerbt euch dafür auf SPIESSER.de/gewinnen. SPIESSER liegt übrigens an über 18.000 Stellen – auch an Jugendarrestanstalten.

Sein Umfeld von damals beneidet Abdu nicht. „Nicht ich habe durch den Knast etwas verpasst, die haben mich verpasst. Ich bin gewachsen, die nicht“, sagt er. Abdu will das Abitur machen, danach studieren, etwas erfinden, das die Welt besser macht. „Ich habe Angst, dass ich sterbe, bevor ich etwas erreichen konnte. Ich will nicht als Nichts von dieser Welt gehen.“ Und Abdu hat Angst, wieder abzurutschen, wieder zu trinken. „Ich will nicht mehr trinken. Wenn ich trinke, bin ich ein anderer Mensch.“

Die Gedanken sind frei

Leben hier ist nicht leicht und soll es auch nicht sein. Ein Bild der Sehnsüchte zeichnet der Gefängnisladen, in dem ein Häftling 30 bis 70 Euro im Monat ausgibt, selbst erarbeitet oder von Angehörigen eingezahlt. Tabak und besonders Körperpf lege sind Dauerbrenner, es gibt Tuning-Zeitschriften, HipHop-Mags und TV-Programmies. Frauen gibt es in Adelsheim nur an zwei Stellen: im Fernseher, der im Monat 15 Euro Miete kostet; und im Einkaufsladen, auf dem Hochglanzpapier von Coupé, Playboy oder FHM. Die Gedanken sind frei.

Die JVA Adelsheim versucht noch ein gutes Stück Freiheit obendrauf zu packen – mit einem modernen Verständnis von Jugendstrafvollzug, mit vielen Freizeit- und Bildungsangeboten. Doch jede Freiheit stößt an Grenzen, spätestens an der großen, grauen Mauer, 1.300 Meter lang und fünfeinhalb Meter hoch. Oder nach dieser einen Stunde, wenn um 17 Uhr der Typ in Busfahrerhose zum Wärterhäuschen schlurft und nach dem Mikro greift, wenn die Russlanddeutschen, die Türken und Deutschen zurückgehen in die Wohnblöcke zum Abendessen, wenn um 21.30 Uhr Zelleneinschluss ist, um 6.15 Uhr Aufstehen, 6.30 Uhr Frühstück, Abrücken um 7 Uhr und später dann, nach Schule oder Arbeit, Hofgang von 16 bis 17 Uhr.

Cornelius, 24, fand im Knast besonders die doppelt verschlossenen Türen gruselig.

Zitate und Fakten zum deutschen Jugendstrafvollzug

Bei Straftätern zwischen 14 und 18 Jahren gilt Jugendstrafrecht, zwischen 18 und 21 entscheidet das Gericht: Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht.

„Kriminalität wird durch härtere Sanktionen nicht reduziert, sondern allenfalls gefördert. (…)“ Aus einer Resolution, unterstützt von fast 1.000 Hochschullehrer/innen und Mitarbeiter/innen der Jugendstrafrechtspflege

„‚Einfach wegsperren‘, das widerspricht den Grundsätzen der Ethik und der Menschenwürde. Selbst wenn wir Experten empfehlen, jugendliche Straftäter vor allem individuell zu fördern, haben Politiker meist nicht das Rückgrad, öffentlich zu sagen: ‚Wegsperren, längere und härtere Strafen – das ist nicht das, was wir wollen und tun sollten.’“
Christian Scholz, Jugendrichter

In Deutschland sitzen rund 75.000 Menschen im Gefängnis. Etwa 7.500 davon sind Jugendliche, verteilt auf 22 Haftanstalten.

„Man sollte keinen Kuschel-Strafvollzug machen, sondern auch fordern. Oberstes Ziel bleibt, dass der Jugendliche nach der Haft ein straffreies Leben führt.“
Bundesjustizministerin Brigitte Zypris

„Die Maßnahmen, die als Kuschelvollzug diffamiert werden, sind die, die so nützen, dass später weniger Straftaten begangen werden.“
Joachim Walter, Leiter der JVA Adelsheim

Rund 95 Prozent aller Jugendlichen in Haft sind männlich.

„Wo es Täter gibt, gibt es Opfer. Für Opfer ist eine angemessene Bestrafung des Täters von großer Bedeutung. Aber die Zeit einer Haft wird sinnvoll genutzt, mit dem Ziel einer erfolgreichen Resozialisierung.“
Beate Merk, Justizministerin Bayern

„Die Gesellschaft hat ein Anrecht auf Schutz vor solchen Tätern. Nur soll man sich nicht vormachen, dass längere Gefängnisaufenthalte der Täter das Problem jugendlicher Gewalt lösen.“
Claus Koch, Psychologe

Anders als im geschlossenen Vollzug können sich Gefangene bei offenem Vollzug innerhalb des Gefängnisses frei bewegen. Die Häftlinge können beantragen, ihrer geregelten Arbeit nachzugehen und Freigang zu erhalten.

„Im geschlossenen Vollzug geht das Leben an den Häftlingen vorbei; sie kommen dann nach zwei, drei Jahren raus und finden sich nicht zurecht. Nach offenem Vollzug, das bestätigt sich auch bei Erwachsenen, ist die Rückfallquote deutlich geringer.“
Marlies Schönig, Bewährungshelferin

Waren Jugendliche während ihrer Haft in gelockertem Vollzug untergebracht, begingen 37 Prozent nach ihrer Entlassung wieder eine Straftat, nach geschlossenem Vollzug 63 Prozent.

In Bayern beträgt das Verhältnis von geschlossenem/offenem Vollzug bei Jugendlichen 688/11, in Berlin 470/25, in Rheinland-Pfalz 400/15.

„Gefängnis sollte das letzte Mittel sein. Man muss vorher investieren, damit jugendliche Straftäter nicht nur weggesperrt werden. Doch manchmal kann man auch als Jugendrichter nicht anders, als eine Jugendstrafe ohne Bewährung zu verhängen, wenn man zum Beispiel die Mitmenschen vor einem Jugendlichen schützen muss.“
Dagmar Thalmann, Jugendrichterin

„Die jungen Strafgefangenen sollen vor allem lernen, künftig ein Leben ohne Straftaten zu führen. Sie müssen lernen, ihre Mitmenschen und deren Rechte zu respektieren und sich in die Gemeinschaft einzufügen.“
Bernd Busemann, Justizminister Niedersachsen

Eine Jugendhaft dauert mindestens sechs Monate, durchschnittlich ein Jahr.

„Richter, Staatsanwälte und Jugendsozialarbeiter klagen nicht über ein zu mildes Jugendstrafrecht, sondern über mangelnde Möglichkeiten der Anwendung von schon heute im Gesetz vorgesehenen Projekten.“
Horst Viehmann, Professor für Jugendkriminalrecht

Die Rückfallquote jugendlicher Straftäter, die während der Haft einen Beruf lernten und die JVA mit einem Berufsabschluss verließen, beträgt 21 Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeine Rückfallquote ist mit rund 78 Prozent fast vier Mal höher.

Und was denkt ihr? Sagt uns eure Meinung auf SPIESSER.de, Webcode: @knast

Quellen: Micha Brumlik (Hrsg.): Ab nach Sibirien? Wie gefährlich ist unsere Jugend. 2008 Beltz Verlag; Lotse_Info; Justizministerium Bayern; Justizbehörde Berlin; Justizministerium Rheinland-Pfalz; Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit; – www.horst.viehmann.net; www.buzer.de

[Der Beitrag wurde reich bebildert mit Fotos von Klaus Gigga; Anm. bs]

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: SPIESSER – die jugendzeitschrift
Wann: September 2008

14. März 2009

SVV – SELBSTVERLETZENDES VERHALTEN

Jede Narbe hat ihre eigene Geschichte

Je öfter man sich ritzt, desto mehr gewöhnt man sich an den Schmerz, umso tiefer werden die Schnitte

Von Katja Görg

Die Rasierklinge ist neu und messerscharf – genau das richtige für Meike (Name von der Redaktion geändert). Seit Wochen liegen die Klingen gut versteckt hinter der Heizung in der Ecke: für einen Notfall wie heute. Meike setzt die Klinge langsam an ihren Unterarm. Es folgt ein kurzer Schnitt, kontrolliert, aber tief. Für einen Moment herrscht Ruhe, dann fließt das Blut aus der Wunde. Meike atmet langsam, wird ruhiger und fühlt sich wieder wie sie selbst. “Wenn ich den Schmerz spüre und das warme Blut über meinen Arm fließt, dann weiß ich, dass ich noch lebe. In den Momenten, bevor ich mich ritze, habe ich das Gefühl, nicht Herr meines eigenen Körpers zu sein”, sagt Meike. Die 19-Jährige erzählt im Präsens, aber eigentlich blickt sie zurück: Auf eine Zeit, in der das Ritzen zu ihrem Tag gehörte wie Zähneputzen oder Waschen.

Was Meike über Monate hinweg mit ihrem Körper machte, nennt man in der Fachsprache autoaggressives oder selbstverletzendes Verhalten, kurz: SVV. Damit wird eine Reihe von Verhaltensweisen beschrieben, mit denen sich Betroffene absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen – sei es mit Rasierklingen, Scherben, Nadeln, Zigarettenstummeln, Scheren oder Messern. Zu den Arten der Selbstverletzung gehört aber auch Schlagen, Beißen, übertriebener Sport oder die Weigerung, zu essen. Ritzen ist die häufigste Art der Selbstverletzung.

Schärfere Rasierklingen

Obwohl keine genauen Statistiken darüber vorliegen, wie viele Menschen sich in Deutschland selbst verletzen, wird die Zahl der Betroffenen auf 800 000 pro Jahr geschätzt. In der Regel zeigen Frauen fünfmal so häufig Anzeichen von selbstverletzendem Verhalten wie Männer. Die meisten Betroffenen befinden sich im Alter zwischen 14 und 17 Jahren – mitten in der Pubertät, in der es in der eigenen Gefühlswelt sowieso schon drunter und drüber geht. Verlorene Liebe, Aggressionen gegen die Eltern, ungelöste Konflikte und Streit sind Auslöser für den Griff zur Klinge: Die Ursachen für selbstverletzendes Verhalten liegen aber meistens weitaus tiefer. Ob es sich um sexuellen Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung handelt – Ritzen ist oft mit einem traumatischen Erlebnis verbunden, das nicht verarbeitet werden kann.

Es ist nicht immer gleich erkennbar, wenn sich jemand ritzt. Um die Narben zu verbergen, werden selbst im Hochsommer lange Pullis getragen. Es gibt aber auch andere Verhaltensmuster. So ziehen andere ihren Pulli extra weit nach oben, um allen anderen ihre Narben zu zeigen. Für sie ist Ritzen eine Art Hilferuf, ein stummer Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit.

Auch Meike musste während ihrer Jugend einiges durchmachen. Was genau, darüber möchte sie nicht sprechen. Im Alter von 16 begann sie mit dem Ritzen. Die Wunden, die bei der Verletzung mit Nähnadeln entstanden, waren anfangs nur oberflächlich. Je öfter Meike sich ritzte, desto mehr gewöhnte sie sich an den Schmerz, desto weniger spürte sie ihn und damit auch sich selbst. Die Folge: Tiefere Schnitte und der Wechsel zur wesentlich schärferen Rasierklinge. Schluss war damit erst, als es beinahe zu spät gewesen wäre: “Ich habe eine Arterie getroffen, das Blut schoss wie eine Fontaine aus meinem Arm. Da wusste ich: Du gehst zu weit. Du hättest sterben können. Seitdem habe ich nie wieder eine Klinge angefasst.”

Meike spricht langsam und ruhig. Kein Zucken ihres Mundes, kein Seufzen, keine Gefühlsregung ist ihr anzumerken. Den Ereignissen der vergangenen Jahre steht sie distanziert gegenüber – fast so, als erzähle sie die Geschichte eines völlig fremden Menschen – das muss nicht verwundern: Beim Blick in den Spiegel, immer kurz bevor sie die Rasierklinge auspackt, begegnet der jungen Frau stets eine fremde Gestalt: Eine kleine blasse Person mit schulterlangem, wasserstoffblonden Haar starrt sie dann an. In den großen, dunkel geschminkten Augen ihres Gegenübers sieht sie nur Leere und Ausdruckslosigkeit. “Es ist fast so, als wäre man selbst im Körper eines Anderen gefangen”, sagt Meike, stockt und überlegt kurz. Dann steht sie auf, geht in ihr Zimmer und kommt mit einem kleinen blauen Luftballon zurück. Während sie das Ventil mit dem Daumen zudrückt, erklärt sie: “Wenn das Ventil verstopft ist, kann keine Luft nach außen dringen. So war es auch bei mir: Meine Gefühle, jeder Hass, all die Wut und der Ärger waren eingeschlossen. Ich konnte weder weinen noch über meine Gefühle sprechen. Mit dem Ritzen haben sich alle Ventile geöffnet, der Druck hat sich gelöst. Für mich war das alles wie eine Befreiung”, sagt Meike.

Besser ging es der Studentin aber nur für kurze Zeit. Das Ritzen in die Haut lässt auf Dauer nämlich nicht nur hässliche Narben zurück – was bleibt, ist auch große Scham: Darüber, dem seelischen Schmerz nicht anders begegnen zu können als ihn gegen körperlichen Schmerz zu ersetzen. Es entsteht ein wahrer Selbsthass, der neue Aggression aufkommen lässt – und den erneuten Griff zur Klinge. “Jede Narbe hat ihre eigene Geschichte”, sagt Meike und meint damit die verschiedensten Auslöser, die das Ritzen haben kann. Im Hochsommer trägt sie lange Pullis, um die Narben auf dem Arm zu verbergen, an Sonnen im Bikini ist gar nicht erst zu denken.

Aber Meike ist ein Fall unter vielen. So verschieden die Narben am Ende aussehen, so unterscheiden sich auch die einzelnen Geschichten und der Verlauf des Ritzens voneinander.

Eine Art Hilferuf

Viele Ritzer verhalten sich völlig anders als Meike. In der Öffentlichkeit verbergen sie ihre Wunden nicht. Im Gegenteil: Meistens ziehen sie ihren Pulli extra weit nach oben, um allen anderen ihre Narben zu zeigen. Für sie ist Ritzen eine Art Hilferuf, ein stummer Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit. Sie wollen damit wahrgenommen werden und auf ihre Probleme hinweisen. Diese Art der Selbstverletzung heißt auch mittlere Autoaggression, die man aber keinesfalls als harmlos abstempeln sollte.

Zu unterscheiden, wo Menschen echte Probleme haben und wo sie nur cool sein wollen, gestaltet sich, wenn es ums Ritzen geht, immer schwieriger. Gerade in letzter Zeit scheint sich die Selbstverletzung in den Klassenzimmern zu einem neuen Trend zu entwickeln, ganz nach dem Motto: Wer sich ritzt, beweist Mut und hält ordentlich was aus. Viele Jugendliche ritzen sich Sätze wie “I love you”, “My heart is bleeding” und Wörter wie “suicide” in die Haut, fotografieren die Wunden und stellen sie anschließend ins Internet – wo sie auf diverse Nachahmer treffen. Auch Musiker thematisieren das Thema Ritzen: “Mein Blut zu sehen tröstet mich” singt der Frontmann von Subway To Sally im Song “Narben”. “Ich spüre nicht das Stück Fleisch, das anstatt meiner rote Tränen weint”, heißt es bei Goethes Erben. Die Band Linkin Park leistet ihren Beitrag mit “Part Of Me” und Papa Roach in “Last Resort”.

Klar: Nicht jeder, der die Lieder hört, wird anschließend zur Klinge greifen. Aber Einsteiger berufen sich häufig auf Bilder und Lieder, die sie gesehen oder gehört haben und die zum “Trigger”, zum Auslöser fürs Ritzen wurden. Die Sucht, die dabei entsteht, können Betroffene nur schwer abbauen. Und meistens erst, wenn es fast zu spät ist.

Ritzen

Wer selbst direkt oder indirekt vom Ritzen betroffen ist, findet weitere Informationen zum Thema im Internet auf www.rotelinien.de, www.selbstverletzung.com oder www.svv-info.de. Adressen, an die man sich für professionelle Hilfe wenden kann, gibt es dort genauso wie Erfahrungsberichte und praktische Tipps zur Selbsthilfe.

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Porträt
Publiziert: ja
Medium: Fürstenfeldbrucker SZ
Wann: 27.11.07

14. März 2009

BARACK OBAMA

Yes he can!

Von Moritz Silzer

Seit dem 20. Januar hat Amerika einen neuen Superman: Barack Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit ihm soll alles besser werden. Er soll die Wirtschaft in Gang setzen, die Finanzkrise meistern, den Klimaschutz vorantreiben, den Terror bekämpfen und im Nahen Osten vermitteln. Seine To-Do-Liste ist lang. Sehr lang. Wird er diese „mission impossible“ meistern können? Yes he can!

Seine Hand liegt auf der Bibel von Abraham Lincoln, seinem Vorbild. Er legt den Amtseid ab, hält seine Rede, tanzt mit seiner First Lady auf zehn Bällen und fängt am nächsten Morgen vor neun Uhr mit seiner Arbeit an. Es ist ein ganz neues Tempo, das der neue Präsident mit ins Weiße Haus bringt. Die Probleme sind gewaltig, aber er wird sie lösen können.

Und das aus ganz verschiedenen Gründen. So hat er sein Regierungs- und Beraterteam nach Kompetenz zusammengestellt. Keine Vetternwirtschaft und keine Freundschaftsdienste. Es zählt einzig und allein die Expertise der handelnden Personen. Das ist nur konsequent und logisch. In der Bush-Ära war dies nicht immer so selbstverständlich.

Ein anderer Grund ist seine Persönlichkeit. Er ist ein Mann ohne Starallüren, aber trotzdem ist er ein Star. Er ist eloquent, aber kein Schwätzer. Er ist klug, aber nicht besserwisserisch. Er ist unverbraucht, aber nicht unerfahren. All seine Charakterzüge werden ihm bei seinen Verhandlungen und Entscheidungen helfen.

Durch seine eloquente Ausdrucksweise hat er schon im Wahlkampf gezeigt, dass er die Menschen überzeugen kann. Und das Entscheidende ist: Man glaubt ihm. Dieses neue Gefühl des Vertrauens ist in der Krisenzeit wichtiger denn je.

Im Wahlkampf stand er die ganze Zeit im Rampenlicht. Aber im Mittelpunkt stand Amerika. Obama hat den Vereinigten Staaten Hoffnung auf eine Selbsterneuerung gegeben. Hoffnung auf Wandel vereint sie alle. Gemeinsam können wir es schaffen, so war und ist seine Botschaft.

Seine Kritiker unterstellten ihm im Wahlkampf, er habe außenpolitisch keine Erfahrung. Doch auch hier handelte Obama klug. Mit Hillary Clinton als neue Außenministerin holt er sich diese Erfahrung ins Kabinett.

Doch bei aller Euphorie: Barack Obama ist kein Messias. Es wird auch Rückschläge geben. Er selbst hat das in der Wahlnacht betont. Es war richtig und klug, es schon zu diesem Zeitpunkt zu erwähnen. Manch einer mag sich der Illusion nur allzu gern hingegeben haben, Obama könne die Welt retten. Denn nicht nur die Freude auf „change“ scheint grenzenlos, die Erwartungen sind es auch. Auch das Ausland hofft auf neuen Schwung aus Amerika. Es hofft auf eine wiedererstarkende Nation.

Manche Probleme, wie den Nahost-Konflikt, werden sich nicht schnell lösen lassen. Auch nicht von Barack Obama. Man muss ihm Zeit geben. Schließlich kommt es darauf an, dass sich etwas bewegt. Obamas Vorbild Abraham Lincoln hat einmal gesagt: “Ich gehe langsam, aber nie zurück.“

War es bisher in der Politik üblich, nach 100 Tagen eine erste Bilanz zu ziehen, so muss Barack Obama schon in den ersten Tagen und Wochen kleine Erfolge präsentieren. Darauf wartet Amerika und die Welt. Aber Obama, der zuhören kann und verändern will, wird es schaffen. Yes he can!

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Kommentar
Publiziert: nein

14. März 2009

KONDOM

Wie wird eigentlich ein Kondom hergestellt?

Von Mario Arnold

Unangenehm – dieser Geruch. So hatte ich mir das nicht vorgestellt – hier, irgendwo in einer Kleinstadt zwischen Bremen und Hamburg. Aber ich hatte mir das Ziel gesetzt, herauszukriegen, wie Kondome – der noch immer wirkungsvollste Schutz vor Aids – eigentlich gemacht werden.

Dazu besuchte ich die Produktion der bekannten deutschen Kondommarke Billy Boy. Meine durch das beißend riechende Ammoniak bedingte Verwirrtheit konnte durch den Produktionsleiter Thomas Harder jedoch schnell aufgeklärt werden: „Der Rohstoff für Kondome ist Naturkautschuk-Latex, das in Asien als weißer, milchiger Saft aus der Rinde des Gummibaums gezapft wird. Damit es die lange Schiffsreise gut übersteht, wird ihm unter anderem geruchsintensives Ammoniak zugesetzt.“

Vor über 3000 Jahren wurden im antiken Griechenland bereits Kondome genutzt – das waren damals allerdings Ziegenblasen. Seitdem hat sich glücklicherweise einiges getan: 1919 waren die Deutschen Vorreiter in der Kondomproduktion, da sie als erste Nation maschinell gefertigte Gummikondome herstellten.

Heute werden diese aufgrund ihrer Schutzfunktion gegen Aids als Medizinprodukte eingestuft und sind in Drogerien, Supermärkten, dem Internet und natürlich an Automaten erhältlich. Deutschlandweit verkaufen sich jährlich etwa 200 Millionen Stück.

40 Prozent davon gehen auf das hinter Billy Boy steckende Unternehmen MAPA zurück, das auch noch Kondome der Marken Fromms und Blausiegel produziert. Im niedersächsischen sieben Tage die Woche und 24 Stunden täglich daran, der konjunkturunabhängigen Nachfrage nach Kondomen gerecht zu werden.

3000 Jahre von der Ziegenblase bis zum Gummi

In der automatisierten Anlage taucht dazu im ersten Schritt eine endlose Kette von Glaskolben in der Form des gewünschten Kondomtyps mehrmals in die bereits erwähnte Latexmischung ein, sodass beim Auftauchen aus dem Becken ein hauchdünner und noch flüssiger Latexfilm auf den Kolben verbleibt.

Permanentes Drehen zur gleichmäßigen Verteilung des Latex’ wechselt sich ab mit mehreren Vulkanisationsschritten (Erhitzung) und dem Anbringen des typischen Kondom-Rollrands, der durch weiche, rotierendeBürsten erzeugt wird.

Abgestreift von den Glaskolben wandern die Kondome in spezielle Waschmaschinen, die gründlich Seifenrückstände und auch den typischen „Gummi-Geruch“ entfernen. Hier verschwindet auch der Ammoniak-Geruch. Anschließend geht es zu Hunderten in Trockner, in denen durch eine feine Puderung ein Zusammenkleben der Kondome verhindert wird.

Wie überall in der Produktion gilt auch hier höchste Hygienestufe, sodass auch ich nur mit Kittel, Haarhaube und Überschuhen den Prozess beobachten durfte. Bevor es nun zur weiteren Verarbeitung geht, erfolgen mehrere Schritte der Qualitätsprüfung.
Ja, es ist tatsächlich so, dass wirklich jedes einzelne Kondom auf ein noch so kleines Loch überprüft wird!
Dies geschieht, indem sie einzeln maschinell auf eine elektrisch leitende Metallform aufgezogen wird. Hochsensible, Strom leitende Karbonfaser- Bürsten tasten es in Sekundenschnelle ab und sortieren im Zweifelsfall aus.

Auch zu dünne Stellen im Gummi werden identifiziert, schließlich darf das Kondom bei der Verwendung nicht zerreißen. Zudem werden aus jeder Charge (so wird eine vordefinierte Produktionsmenge genannt) Stichproben entnommen, welche in zahlreichen Testverfahren den hohen Qualitätsanforderungen standhalten müssen.
Die europäische Norm ISO 4074 verlangt, dass ein Kondom mindestens 18 Liter Luft fassen können muss, bevor es zerplatzt.

52 Liter Schutz

Diesen Elastizitätstest durfte ich mit einem Kondom in einer speziellen Prüfkammer auch selbst durchführen und staunte nicht schlecht, als es erst nach 52 Volumenlitern zum großen Knall kam. Ein weiterer Test ermittelt die Reißfestigkeit und Dehnbarkeit: Ganze 800 Prozent Dehnung hielt das hauchdünne Gummi trotz seiner geringen Wandstärke von 0,06 mm aus!

Inwiefern gibt es denn Unterschiede zwischen den einzelnen Kondomvarianten? Produktionsleiter Harder erläuterte mir, dass die Differenzierbarkeit sowohl durch Form (je nach gewünschtem Tragekomfort), Oberfläche (höhere Wandstärke, bei Bedarf Noppen) als auch Farbe (am beliebtesten ist immer noch das Standard-Transparent) entsteht.
Zudem wird vor dem Verpacken in die aufreißbaren Siegelbriefchen ein Feuchtfilm auf dem Kondom aufgetragen, der auch Aromastoffe enthalten kann, die für einen angenehmen Duft sorgen (zum Beispiel Erdbeere oder Orange).

Achtet mal darauf, wenn ihr das nächste Mal ein Kondom in den Händen halten solltet: Auf jedem Siegelbriefchen ist ein durchaus ernst zu nehmendes Haltbarkeitsdatum aufgedruckt – vier Jahre Haltbarkeit werden garantiert, wobei eine vor Hitze und Sonne geschützte Lagerung (also nicht im Handschuhfach eines Autos im Sommer) anzuraten ist. Kautschuklatex ist ein Naturprodukt und daher nicht ewig haltbar.

Wie ich später vom Marketingleiter Marco Gehlken erfuhr, schätzen 70 Prozent der Kondomnutzer besonders den zuverlässigen Schutz vor Infektionen unterschiedlichster Art, allen voran Aids. Billy Boy engagierte sich unter anderem in schulischen Präventionskampagnen, um das Thema Kondome bereits möglichst früh zu enttabuisieren.

Nachdem ich nun Zehntausende Kondome gesehen und ihren Entstehungsweg vom geruchsintensiven Kautschuk bis zum Eintüten in Siegelbriefchen verfolgt habe, muss ich feststellen, dass die aufwändigen Testverfahren tatsächlich Vertrauen ins „Gummi“ schaffen.
Damit auch wirklich zuverlässiger Schutz vor Schwangerschaft und Infektionskrankheiten gewährleistet werden kann, sollte man die Gebrauchshinweise beachten und vor dem „Ernstfall“ ein wenig „üben“, dann wird auch die Anwendung leicht fallen.

Mediengattung: Internet
Darstellungsform: Reportage, Fotoreportage und literarische Reportage
Publiziert: ja
Medium: Red Ribbon
Wann: 01.12.2008

14. März 2009

GRAFFITI-KUNST

Sprayer suchen die Abgeschiedenheit

Lost Spaces: Neue Graffiti-Kunst erlebt an verlassenen Orten einen Boom

Von Gesa Lehrmann

Inmitten der pulsierenden Großstadt existieren sie von den meisten Menschen unbemerkt weiter: Alte Industrieruinen, stillgelegte Bahnhöfe und verlassene Villen. Ihre Zeit ist schon lange Vergangenheit, doch jetzt entdecken die Graffiti-Sprayer der Lost Space-Generation die totgesagten Räume neu. Mit Farbe aus der Sprühdose und viel Fantasie hauchen sie ihnen neues Leben ein und lassen zwischen Bauruinen und Internet etwas entstehen, was die einen als neue Strömung innerhalb der Graffiti-Kunst feiern, während es die anderen noch immer für puren Vandalismus halten. Doch die Zahl der Graffiti-Gegner nimmt ab. Der kulturelle Mainstream hat das Graffiti als Ausdruck der Authentizität für sich entdeckt und es zur Kunstform ernannt. Inzwischen ist die Annäherung an die Subkultur zum Trend geworden. Galeristen suchen die Zusammenarbeit mit Sprayern und die Tate Modern bietet Stadtführungen zu ausgewählten Werken an.

Im New York der 80er-Jahre stellte das Aufkommen der Graffiti-Kultur ihre Akteure schon bald vor ein Problem: Keine Autobahnbrücke, keine Hauswand und keine Straßenbahn bot ihnen Anreiz für neue Malereien. Überall hatten sich schon andere Sprayer verewigt. Es kam zu so genannten Battles, dem Kampf darum, die eigene Signatur mit der Sprühdose möglichst gut sichtbar an den meisten und riskantesten Plätzen der Stadt zu hinterlassen. Auch heute noch werden Battles zwischen rivalisierenden Sprayern ausgetragen, doch seit einiger Zeit ist zudem eine gegensätzliche Bewegung zu beobachten: Immer mehr Sprayer meiden den öffentlichen Raum, dessen sie vorher bedurften, um Bekanntheit zu erlangen, und arbeiten nun in völliger Abgeschiedenheit an Orten, wohin sich außer ihnen niemand verläuft, den so genannten Lost Spaces. Zwar haben Sprayer seit der Entstehung des Graffitis hin und wieder auch an solchen Plätzen gesprüht, doch handelte es sich bei ihren Arbeiten fast immer um so genanntes Tagging, dem Hinterlassen ihres mit der Sprühdose grafisch meist aufwendig gestalteten Pseudonyms. Bei den meisten der heutigen Sprayer, die im Lost Space arbeiten, sind solche Schriftzüge verpönt. Statt als Graffiti-Sprayer im eigentlichen Sinn verstehen sie sich vielmehr als Künstler und orientieren sich an den bildhaften Graffiti-Elementen, die sich in Europa weitestgehend unabhängig von der Graffiti-Kultur der USA entwickelt haben. Ziel ihrer Arbeiten ist es Motive zu entwerfen, die sich dem morbiden Charme ihrer Umgebung unterordnen und die gespenstische Atmosphäre der Orte transportieren. „Maler die im Lost-Space arbeiten, sind kleine Industrieromantiker, die durch ihre Werke den Kunstcharakter des Raumes unterstreichen wollen“, sagt der Berliner Lost Space-Künstler Kim Köster. Typisch für diese Stilrichtung ist, dass die Sprayer auch Risse in der Wand oder heraus gefallene Mauersteine kunstvoll in ihr Bild mit einbinden. Seitdem die Werke des französischen Sprayers Dran international bekannt geworden sind, werden häufig auch vor Ort gegebene Gegenstände in den Bildzusammenhang integriert.

Auf der Suche nach einem Ort zum Sprühen finden die Lost Space-Künstler im Internet Anregungen. Über Websites wie www.exploreberlin.de oder www.vimudeap.de, der Homepage des Virtual Museum of Dead Places, können sie nach verlassenen Bauobjekten in ihrer Stadt suchen und sich vorab per Foto oder Satellitenbild einen ersten Eindruck verschaffen. Ohne die Genehmigung des Eigentümers fällt Lost Space-Kunst allerdings unter Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Entgegen dem Klischee, dass Sprayer aus Angst davor erwischt zu werden, nachts sprühen, arbeiten die Lost-Space-Künstler grundsätzlich tagsüber. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Fotografie als Kunstform wichtiger Bestandteil der Lost Space-Kunst ist. Viele Sprayer verwenden ebenso viel Zeit für das Fotografieren ihrer Werke wie für das Malen. Hat früher der Battle um die meisten Bilder auf der Straße stattgefunden, so wird heute der Kampf um das schönste Foto im Internet ausgetragen. Auf der unter Sprayern beliebten Homepage www.streetfiles.org von Frank Lämmer alias Esher, einem der populärsten Berliner Sprayer der 90er-Jahre, werden täglich bis zu hundert neue Fotos hochgeladen. „Durch das Internet können die Werke der Öffentlichkeit, die sie aufgrund ihrer ungewöhnlichen Entstehungsorte sonst nicht zu Gesicht bekäme, zugänglich gemacht werden“, sagt Lämmer. Nach Meinung des Hamburger Kunstsammlers Rik Reinking, einem der wichtigsten deutschen Sammler von Graffiti-Werken, ist durch das Internet eine Vernetzung der Sprayer über Ländergrenzen hinweg und eine stärkere Vermischung der regionsspezifischen Stile zu beobachten. Unter www.99rooms.de ist auch Köster im Internet vertreten. Auf seiner Homepage kann sich der Besucher auf einem virtuellen Rundgang durch 99 verschiedene Räume einen Eindruck von der Atmosphäre des Lost Space verschaffen. Viele der Bilder existieren in Wirklichkeit nicht mehr – sie sind inzwischen von selbst zerfallen oder Opfer der Abrissbirne geworden.

Mediengattung: Zeitung
Darstellungsform: Feature
Publiziert: ja
Medium: Die Welt
Wann: 27.10.2008