Idyll zwischen Weinbergen
von Adrian Lobe
Eguisheim. Eigentlich ist Eguisheim ein kleines, beschauliches Dorf im Herzen des Elsass. Malerisch an der Elsässischen Weinstraße gelegen, wirkt der kleine Weiler mit seinen bunten Fachwerkhäusern und engen Pflastersteingässchen wie ein paradiesisches Freizeitidyll. Die blumenberankten Fenster und efeuverwachsenen Hauseinhänge machen das Dorf zu einem verwunschenen Kleinod, das im Schatten der spitzen Dächer fast ein wenig mystisch anmutet. Liebevoll am Wegesrand gepflanzte Geranien blühen in voller Pracht und bilden zusammen mit den bunten Hausfassaden ein imposantes Farbenspiel.
Um die Stadtmauer herum schmiegen sich kilometerweite Weinberge an das Dorf, über die sich wattebauschartige Schäfchenwolken schieben. Dort oben, auf den zackigen Gipfeln der Vogesen, sieht Eguisheim aus wie eine Blumeninsel im unendlichen Meer der Weinberge. Mehrfach erhielt das Städtchen, das rund 12 Kilometer von Colmar entfernt liegt, den renommierten „Grad Prix national du Fleurissement“.
Auch im Alltag ist die Gemeinde mit ihren knapp 1500 Einwohnern ein eher stilles Örtchen. Für gewöhnlich flanieren die Bewohner durch die engen Pflastersteingässchen, halten hier und da einen kleinen Plausch mit dem Nachbarn und schlürfen abends in der Winstub Elsässer Rosé.
An diesem Spätsommersamstag ist jedoch alles ein bisschen anders. Die Gemütlichkeit weicht einem hektischen Treiben: Allenthalben stellen die Bewohner Bierbänke und Tische auf die Straßen, befestigen Absperrgitter am Ortseingang und schleppen Weinfässer aus den Gewölbekellern. Die fleißigen Helfer treffen die letzten Vorbereitungen für die „Fête des Vignerons“, die in diesem Jahr zum 49. Mal ausgerichtet wird. Dann nämlich, wenn das berühmte Winzerfest stattfindet und Weinliebhaber aus ganz Europa nach Eguisheim pilgern, erwacht das Städtchen aus seinem Dornröschenschlaf.
Auf einem Holzbrett serviert Madame Prunier neugierig vorbeischlendernden Passanten Salamihäppchen aller Art. Ob Trüffel- oder Rehsalami – ihre kleine Wursterei bietet alles, was das Herz begehrt. Auch etwas Exotisches hat sie im Angebot: Salami mit Whisky. „Keine Angst, Sie können damit schon noch Auto fahren“, lacht die 28-Jährige und beruhigt: „Das hat nur zwei Prozent.“ Bei dem würzig-duftenden Geruch, der aus ihrem putzigen Verkaufsstand weht, fällt es schwer, dem verlockenden Angebot zu entsagen. Ein älteres Ehepaar zögert nicht lange und lässt sich fünf Salamis in eine Papiertüte packen. „Guten Appetit“, freut sich Prunier mit den Kunden. Sie winkt noch kurz hinterher, ehe sie weiter emsig Wurst aufschneidet. Bei den hektischen Armbewegungen kommt ihr freches Schultertatoo zum Vorschein, das eine keltische Kriegerfigur zeigt. Irgendwie will die kesse Französin nicht so recht in ihre Umgebung passen. Vielleicht aber braucht man genau jene Umtriebigkeit, um mit einer kleinen Metzgerei hier überhaupt bestehen zu können.
Außer Wein und Leckereien präsentiert Eguisheim auch Kunst. In winzigen Ateliers stellen Künstler kleine Tonskulpturen, bemalte Teller und Gemälde aus. So auch Marco Marciano. Seit über 40 Jahren ist der gebürtige Colmarer nun schon mit der Malerei beschäftigt. Nachdenklich lehnt er an einer blauen Hauswand, das karierte Hemd ist tief aufgeknöpft, die Lesebrille baumelt um die Brust. Marciano ist ein gemütlicher Herr, Anfang 60, der nicht viel spricht. Jedes Jahr komme er hierher, sagt er, zum Weinfest und zum Malerwettbewerb. Vor ihm stehen die sorgsam aufgereihten Aquarellgemälde, die er in mühevoller Arbeit entwarf. Eine junge Frau will sich nach dem Preis erkundigen, er nuschelt leise etwas in seinen Dreitagebart. Dann kehrt er wieder in sich, atmet die frische Luft an diesem bewölkten Samstagnachmittag. Ganz still, beinahe apathisch, genießt Marciano die Atmosphäre.
Etwas weniger begeistert ist eine Gruppe Jugendlicher, die gelangweilt Rapmusik aus einem Fotohandy anhört. „Komische Leute“, argwöhnt ein bleichgesichtiger Junge. „Très bizarre!“. So recht können sie nicht verstehen, warum die Touristen scharenweise in ihr Dorf einfallen und zusammen mit den Einheimischen bis in die Nacht hinein feiern. Ziellos irren sie in dem Schneckengeläuf der Gassen umher, um dem Trubel zu entfliehen. Gelingen wird es ihnen nicht. An diesen beiden Tagen im Jahr herrscht im Dorf Ausnahmezustand. Die skeptischen Jungs werden es verschmerzen können. Denn nach dem rauschenden Fest ruht Eguisheim wieder. Zumindest bis zum nächsten Mal.
Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Kölnische Rundschau
Wann: 21.10.2009












