Beiträge 2010

16. Mai 2010

Eguisheim

Idyll zwischen Weinbergen

von Adrian Lobe

Eguisheim. Eigentlich ist Eguisheim ein kleines, beschauliches Dorf im Herzen des Elsass. Malerisch an der Elsässischen Weinstraße gelegen, wirkt der kleine Weiler mit seinen bunten Fachwerkhäusern und engen Pflastersteingässchen wie ein paradiesisches Freizeitidyll. Die blumenberankten Fenster und efeuverwachsenen Hauseinhänge machen das Dorf zu einem verwunschenen Kleinod, das im Schatten der spitzen Dächer fast ein wenig mystisch anmutet. Liebevoll am Wegesrand gepflanzte Geranien blühen in voller Pracht und bilden zusammen mit den bunten Hausfassaden ein imposantes Farbenspiel.

Um die Stadtmauer herum schmiegen sich kilometerweite Weinberge an das Dorf, über die sich wattebauschartige Schäfchenwolken schieben. Dort oben, auf den zackigen Gipfeln der Vogesen, sieht Eguisheim aus wie eine Blumeninsel im unendlichen Meer der Weinberge. Mehrfach erhielt das Städtchen, das rund 12 Kilometer von Colmar entfernt liegt, den renommierten „Grad Prix national du Fleurissement“.

Auch im Alltag ist die Gemeinde mit ihren knapp 1500 Einwohnern ein eher stilles Örtchen. Für gewöhnlich flanieren die Bewohner durch die engen Pflastersteingässchen, halten hier und da einen kleinen Plausch mit dem Nachbarn und schlürfen abends in der Winstub Elsässer Rosé.

An diesem Spätsommersamstag ist jedoch alles ein bisschen anders. Die Gemütlichkeit weicht einem hektischen Treiben: Allenthalben stellen die Bewohner Bierbänke und Tische auf die Straßen, befestigen Absperrgitter am Ortseingang und schleppen Weinfässer aus den Gewölbekellern. Die fleißigen Helfer treffen die letzten Vorbereitungen für die „Fête des Vignerons“, die in diesem Jahr zum 49. Mal ausgerichtet wird. Dann nämlich, wenn das berühmte Winzerfest stattfindet und Weinliebhaber aus ganz Europa nach Eguisheim pilgern, erwacht das Städtchen aus seinem Dornröschenschlaf.

Auf einem Holzbrett serviert Madame Prunier neugierig vorbeischlendernden Passanten Salamihäppchen aller Art. Ob Trüffel- oder Rehsalami – ihre kleine Wursterei bietet alles, was das Herz begehrt. Auch etwas Exotisches hat sie im Angebot: Salami mit Whisky. „Keine Angst, Sie können damit schon noch Auto fahren“, lacht die 28-Jährige und beruhigt: „Das hat nur zwei Prozent.“ Bei dem würzig-duftenden Geruch, der aus ihrem putzigen Verkaufsstand weht, fällt es schwer, dem verlockenden Angebot zu entsagen. Ein älteres Ehepaar zögert nicht lange und lässt sich fünf Salamis in eine Papiertüte packen. „Guten Appetit“, freut sich Prunier mit den Kunden. Sie winkt noch kurz hinterher, ehe sie weiter emsig Wurst aufschneidet. Bei den hektischen Armbewegungen kommt ihr freches Schultertatoo zum Vorschein, das eine keltische Kriegerfigur zeigt. Irgendwie will die kesse Französin nicht so recht in ihre Umgebung passen. Vielleicht aber braucht man genau jene Umtriebigkeit, um mit einer kleinen Metzgerei hier überhaupt bestehen zu können.

Außer Wein und Leckereien präsentiert Eguisheim auch Kunst. In winzigen Ateliers stellen Künstler kleine Tonskulpturen, bemalte Teller und Gemälde aus. So auch Marco Marciano. Seit über 40 Jahren ist der gebürtige Colmarer nun schon mit der Malerei beschäftigt. Nachdenklich lehnt er an einer blauen Hauswand, das karierte Hemd ist tief aufgeknöpft, die Lesebrille baumelt um die Brust. Marciano ist ein gemütlicher Herr, Anfang 60, der nicht viel spricht. Jedes Jahr komme er hierher, sagt er, zum Weinfest und zum Malerwettbewerb. Vor ihm stehen die sorgsam aufgereihten Aquarellgemälde, die er in mühevoller Arbeit entwarf. Eine junge Frau will sich nach dem Preis erkundigen, er nuschelt leise etwas in seinen Dreitagebart. Dann kehrt er wieder in sich, atmet die frische Luft an diesem bewölkten Samstagnachmittag. Ganz still, beinahe apathisch, genießt Marciano die Atmosphäre.

Etwas weniger begeistert ist eine Gruppe Jugendlicher, die gelangweilt Rapmusik aus einem Fotohandy anhört. „Komische Leute“, argwöhnt ein bleichgesichtiger Junge. „Très bizarre!“. So recht können sie nicht verstehen, warum die Touristen scharenweise in ihr Dorf einfallen und zusammen mit den Einheimischen bis in die Nacht hinein feiern. Ziellos irren sie in dem Schneckengeläuf der Gassen umher, um dem Trubel zu entfliehen. Gelingen wird es ihnen nicht. An diesen beiden Tagen im Jahr herrscht im Dorf Ausnahmezustand. Die skeptischen Jungs werden es verschmerzen können. Denn nach dem rauschenden Fest ruht Eguisheim wieder. Zumindest bis zum nächsten Mal.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Kölnische Rundschau
Wann: 21.10.2009

16. Mai 2010

Maria P.

Leben mit dem Krebs

Jammern gilt nicht: Wie eine 41-jährige Frau, erkrankt an Brustkrebs, sich zurück ins Leben kämpft.

von Ronny Zimmermann

Für einen Augenblick hatte sie die Vergangenheit wieder eingeholt. Ängstlich blickte sie auf ihre 5-jährige Tochter. „Mama, jetzt guck’ nicht so. Ich werd’ Ärztin und mache dich gesund“, sagte Natalie, ihre Tochter. Doch sie starrte weiter ins Leere. Dann hob sie den Blick, lächelte verlegen und streichelte Natalie über den Kopf. Sie wusste, vor ihrer Tochter darf sie ihre Angst nicht zeigen.

Maria P. (Name geändert) erkrankte vor zwei Jahren an Krebs. An Brustkrebs. Derweil ist sie gerade einmal 41 Jahre alt. Zwei Kinder hat sie. Mit ihrem Mann bezog sie vor acht Jahren ein Eigenheim, mit großem Garten und idyllisch am Waldrand gelegen. Es schien das perfekte Familienglück zu sein – bis zum April 2008. Dann kam die Diagnose, die sie aus ihrer heilen Welt riss: Tumor in der rechten Brust. Weit fortgeschrittener Status, eingestuft als aggressives G3-Stadium. Heilungsprozess nicht sicher. Überlebenschance bei 20 Prozent. Bumm. Da war sie, die Diagnose, die ihrem Leben schlagartig einen heftigen Knacks gab.

Nun, knapp zwei Jahre nachdem der Krebs Teil ihres Lebens wurde, erinnert sich Maria nur ungern an jenen Moment. Aufgewühlt, innerlich zerrissen sei sie gewesen. „Ich stand mitten im Leben. Und plötzlich bricht alles zusammen. Ich habe geweint, geflucht. Gerechtigkeit im Leben? Daran glaube ich nicht mehr.“

Maria P., die bis dahin in einer Kinderarztpraxis arbeitete, wurde in einer Operation die rechte Brust abgenommen. Ihr Mann, der beim „Kuscheln den Knoten in der Brust ertastete“, habe damit kein Problem gehabt.

Doch der nächste Tiefschlag folgte unmittelbar nach dem Eingriff: Im rechten Oberarm hatte der Krebs die Lymphknoten angefallen. Sie mussten ebenfalls entfernt werden. Fortan behindert die Lymphe das Bewegungsspiel des rechten Arms. Schmerzen, etwa schon beim Heben des Arms, werden laut dem behandelnden Arzt niemals weggehen.

Und trotzdem: Maria P. hadert nicht mit ihrem Schicksal. „Ich will zurück ins Leben, auch wenn ich nicht mehr die Maria werde, die ich einmal war. Ich werde den Krebs besiegen.“ Chemotherapie, Haarausfall, Zukunftsängste – all das hat sie hinter sich. Und ist damit nicht alleine: Jährlich erkranken cirka 70 000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Etwa ein Neuntel aller Frauen, so schätzen Experten mittlerweile, werden in ihrem Leben von Brustkrebs befallen. Bei 80 Prozent der betroffenen Frauen stehen die Chancen auf Genesung gut, die verbleibenden 20 Prozent kämpfen gegen den Tod. Immer öfter trifft es auch junge Frauen. Der Krebs macht vor niemanden halt. So wie er auch nicht vor Maria P. stoppte.

Ihr Alltag hat sich seit der Erkrankung stark verändert. „Früher lebte ich, um zu arbeiten. In Zukunft aber will ich arbeiten, um zu leben“, sagt sie fast schon philosophisch. Am Morgen schafft sie ihre Tochter in den Kindergarten. Danach fährt sie auf das Arbeitsamt. „Wenn du dich nicht meldest, kürzen sie dir den Zuschuss“, erklärt Maria. Doch auf dem Arbeitsamt zählt ihr Schicksal nicht. „Sie rufen dich mit einer Nummer auf und haben Probleme, dir in die Augen zu sehen.“ Eine sterile Atmosphäre. Maria gilt als „allgemein arbeitsfähig, 20 Stunden pro Woche“. Trotz Brustkrebs. Trotz Lymphe im Oberarm. Trotz Ungewissheit.

Aber Maria nimmt ihr Schicksal entschlossen an, schreibt Bewerbungen und bildet sich weiter. Ihr bleibt auch nichts anderes übrig: Die Krankenkasse macht Druck, will Zuzahlungen kürzen, und die finanzielle Situation wird allmählich zur Last. Zwischendurch stehen Kontrolluntersuchungen an, vor denen sie „jedes Mal aufs Neue zittert“. Auch Rehabilitationssport gehört zu ihrem Genesungsprogramm. Die größte Kraft aber holt sie sich bei ihrer Familie. Dann, wenn die Augen ihrer kleinen Tochter leuchten, ist die Welt in Ordnung. Für diese Momente lohnt es sich, täglich mit der Ungewissheit zu leben – und immer weiter gegen den Krebs zu kämpfen. Ihr Ziel: Einfach nur gesund bleiben.

16. Mai 2010

Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen

Helfer im Hintergrund

von Sina Gütter

„Sie waren es, die uns beistanden, als Sie selbst kaum mehr stehen konnten“, sagt Astrid Hahn, Leiterin der Albertville-Realschule, in einer Rede. Gemeint sind die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, die am 11. März 2009 beim Amoklauf von Winnenden und Wendlingen im Einsatz waren: Rettungsassistenten, die Verletzte geborgen haben, während der Täter noch im Gebäude war, Notfallseelsorger, die Schüler, Lehrer, und Angehörige betreut haben, Helfer, die unter höchstem Druck einen Großeinsatz mit über hundert DRK-Mitarbeitern koordiniert haben.

Eine von ihnen ist Monika Hermann. Sie ist Geschäftsführerin des DRK Rems-Murr und hat an diesem Tag mit ihrem Team den schwierigsten Einsatz ihrer Karriere. Es ist Mittwoch, aber sie ist nicht wie sonst im Büro. Sie hat sich frei genommen, weil sie Handwerker erwartet. Etwa um halb 10 erreicht sie die Nachricht des Amoklaufes per Telefon. Im Hintergrund sind Schüsse und Schreie zu hören. Sie steht unter Schock, kann nicht mehr denken. Es folgen weitere Anrufe und Monika Hermann macht sich auf den Weg nach Winnenden, nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Zu diesem Zeitpunkt sind ihre Kollegen schon im Einsatz. Der erste Krankenwagen mit zwei jungen Rettungsassistenten erreicht die Schule um 9:40 Uhr, wenige Minuten nachdem der Notruf in der Leitstelle Waiblingen eingeht. Weitere vier Minuten später trifft der erste Notarzt ein. Als Hermann um 10:00 Uhr den Tatort erreicht, haben sich bereits 12 Fahrzeuge, 1 Hubschrauber, 7 Notärzte und 18 Rettungsassistenten eingefunden. 200 Meter von der Schule entfernt sind die Polizeisperren aufgebaut. Sie lässt ihren Wagen stehen, zieht sich die leuchtend orangefarbene DRK-Jacke über und geht zu Fuß weiter. Ein Polizeibeamter weist sie energisch an, die Straßenseite zu wechseln, möglichst weit vom Schulgebäude entfernt zu gehen. Ihre Kollegen sieht sie schon von weitem. Als sie bei ihnen ist, kommt gerade einer ihrer Mitarbeiter aus der Schule. Er bringt einen Zettel mit, auf dem er Zimmernummern und die Anzahl der Toten notiert hat, um seinen Kollegen den Einsatz zu erleichtern.

In den folgenden Stunden erleben etliche amtliche und ehrenamtliche Helfer eine unvorstellbare Belastung. Psychischer Druck spielt bei diesen Berufen immer eine Rolle. Das weiß jeder und darauf wird auch in der Ausbildung hingewiesen. „Aber auf eine solche Situation kann man sich unmöglich vorbereiten“, so Monika Hermann. Ihre Nachbarin fängt sie abends nach Dienstschluss an der Haustüre ab und nimmt sie in den Arm.
Was macht man an so einem Abend? „Weinen.“

Auch an den folgenden Tagen ist von den DRK-Mitarbeitern größter Einsatz gefordert. Die Hermann-Schwab-Halle, gegenüber der Albertville-Realschule, wird zur Anlaufstelle für Betroffene. Allein 56 ehrenamtliche Notfallseelsorger und Notfallnachsorger sind für deren Betreuung zuständig. Der 11.März 2009 hat das Leben vieler Menschen völlig geändert. Auch bei den Helfern ist dieser Tag nach einem Jahr noch lange nicht vergessen. „Man weiß, dass die Suizidrate bei Einsatzkräften, die ähnlich traumatische Erlebnisse hinter sich haben, nach ein bis zwei Jahren stark ansteigt“ erklärt Hermann. Darum arbeitet das DRK derzeit an einem Hilfenetz für seine Mitarbeiter. Es soll Ansprechpartner für Krisensituationen geben, Kollegen sollen sich untereinander beobachten und stützen.

Für die Schüler der Albertville-Realschule, die Klassenkameraden und Freunde der 9 jugendlichen Opfer und die Zeugen des schrecklichen Amoklaufes, soll die Normalität so weit wie möglich wieder eintreten. Ihr Schulalltag findet momentan in Containern statt.

„Die Schüler finden die Containerschule ganz  cool’“, sagt Direktorin Astrid Hahn, „es ist allerdings lauter, im Winter ziemlich kalt und im Sommer ziemlich warm“. Im September 2011 soll das alte Schulgebäude wieder bezogen werden. Eine Befragung in der Albertville-Realschule hat ergeben: Die Schüler wollen zurück.

16. Mai 2010

Die Reise

Clärenore Stinnes

von Malina Opitz

Sie trugen Bubikopf und die Zigaretten aufgesteckt im Spitz. Sie fuhren Auto, reisten nach Afghanistan, in den Irak und die junge Sowjetunion. Im Schutz der Großstädte schrieben sie Bücher, sprachen über Sexualität und Politik, drangen in die Domänen der Männer ein. Sie waren unabhängig und frei von tradierten Rollenbildern. Die “Neuen Frauen” der 20er Jahre. Neben den beiden Schriftstellerinnen Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach trat in dieser elitären Gruppe besonders eine Frau hervor: Clärenore Stinnes.

Hose statt Rock, Krawatte statt Kette. Androgyne Figur, kurze Haare – Clärenore war das Sinnbild des “Garçonne”-Stils der 20er und verkörperte zugleich eine neue weibliche Schlagfertigkeit. “Ich heiße Stinnes und fahre im Auto um die Welt. Noch Fragen?” Den Journalisten verschlug es die Sprache. Vor ihnen stand kettenrauchend eine junge Dame, die sich entschlossen hatte, die Erde zu umrunden – in einer ganz normalen Serienlimousine. Sie werde gen Osten aufbrechen und von Westen aus zurückkehren. 48 000 Kilometer. Die Journalisten hatten keine Fragen mehr. Geglaubt haben sie kein Wort.

“An Clärenore fasziniert mich dieses bedingungslose Verfolgen einer ganz klaren Vision”, sagt die Kölner Regisseurin Erica von Moeller, die die Weltumrundung der Industriellentochter verfilmte. “Auf ihrer Reise gab es so viele Hindernisse, Hürden, Krankheiten. Doch sie machte einfach weiter.”

Clärenore Stinnes wurde 1901 als drittes Kind von sieben geboren. Sie wuchs in Mühlheim an der Ruhr auf und war des Vaters Liebling. Ihm, Hugo Stinnes, gehörte einer der größten Industrie- und Handelskonzerne Europas. Clärenore begleitete ihn nach Südamerika, lernte Fremdsprachen und wurde in einem Stil erzogen, der der Zeit weit voraus war. Doch der Vater starb früh, und Clärenore umgab urplötzlich ein Vakuum, das sich nur sehr langsam wieder mit Lebensinhalt füllte. Sie investierte mehr und mehr Zeit in ihre große Leidenschaft: die Automobile. Sie tüftelte und fuhr Rennen. Bei einer russischen Rallye ging sie als einzige Frau an den Start – und siegte.

Hildegard Krajewski lernte Clärenore Ende der 60er Jahre kennen, durch ihren Mann, der mit den Stinnes geschäftliche Kontakte pflegte. Krajewski erinnert sich: “Sie war durch und durch burschikos. Man konnte mit ihr wie mit einem Kumpel arbeiten. Und sie wusste knallhart, was sie wollte.” Kam das Gespräch auf die Weltumrundung, hätte die Industriellentochter lediglich einen einzigen Satz formuliert: “Ihr würdet mich für verrückt erklären, wenn ihr wüsstet, was ich durchgestanden habe.” Krajewski ahnt, warum Clärenore die Reise durch 23 Länder, durch Wüste, Eis und Schnee dennoch auf sich nahm: “Für sie war es die größte Rennstrecke auf Erden.”

Die Reise sollte Clärenore verändern. Als sie im Mai 1927 startete, strotzte die 26-Jährige vor Kraft und Enthusiasmus. Die benötigten 100 000 Reichsmark hatte sie sich – als Beweis ihrer Unabhängigkeit – nicht von der Familie, sondern von Sponsoren wie Bosch und Aral beschafft. Für den Beifahrersitz wählte sie den schwedischen Kameramann Carl-Axel Söderström. Weil er verheiratet war. “Sie wollte keine Klüngelei”, sagt Krajewski lachend. Denn es kam anders: Clärenore und Söderström wurden ein Paar. Doch das war während der Reise reine Nebensächlichkeit, überlagert vom Ehrgeiz der Industriellentochter.

Es begann mit kleinen Pannen. Hinter Prag ging die Kupplung kaputt, hinter Belgrad ein Kugellager. Während Söderström notierte, es sehe nicht so aus, “als wenn die Autos die ganze Reise halten würden”, schrieb Clärenore weiter optimistisch gestimmte Briefe an ihre Mutter. Die verlorene Zeit holte die Rennfahrerin wieder auf – sie strich die Essenspausen. 128 hart gekochte Eier während der Fahrt sollten fürs Erste reichen. Es kamen der Iran, Damaskus, Syrien und die Angst vorm Verdursten, Kriege, Überfälle, Motorschäden und immer wieder das lange Warten auf Ersatzteile. Clärenores Team zerbrach, die zwei Techniker kapitulierten, nur Söderström blieb. Seine Reisenotizen verraten, dass er oft mi ihr haderte, aber seine Anderkennung nicht verwehren konnte: “Sie muss aus Stahl gemacht sein, so wie sie alles aushält, ohne zu klagen.”

Dennoch musste Clärenore nach drei Monaten sibirischen Winters erkennen: Das Leben ist keine Rennstrecke. Eine Erkenntnis, die sich in den südamerikansichen Anden auf ewig einbrennen sollte. Es war ein Höllenanstieg vom Meer auf 3000 Meter Höhe. Stellenweise mussten Clärenore und Söderstörm den Weg mit Dynamit frei sprengen lassen. Die Hände blutig, die Kleider in Fetzen.

Doch sie schafften es. Im Juni 1929 erreichten die beiden Berlin. Und als wären sie ein für alle Mal genug gereist, zogen sie kurz nach der Hochzeit in die Heimat Söderströms, bewirtschafteten einen Gutshof und kümmerten sich fortan um ihre drei Kinder sowie mehrere Pflegekinder. Noch immer in Schweden, verstarb Clärenore im September 1990. Geblieben ist die Erinnerung an eine 20er-Jahre-Spitzenfrau und einen ungebrochenen Willen.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Kölner Stadt-Anzeiger
Wann: 28.07.2009

16. Mai 2010

Schauspieler

Vincent Redetzki

von Rick Noack

Es ist halb drei am Nachmittag, als bei Vincent Redetzki das Handy klingelt. „Hallo?“, murmelt er in den Hörer, dreht sich im Bett um. Das Telefon hat ihn in seinem Ferienschlaf geweckt. Ob er denn noch ein paar Fragen zu seinen Filmen beantworten könne, fragt der Journalist am anderen Ende der Leitung.

Vincent Redetzki könnte jetzt sehr arrogant sein. Er könnte auflegen, wieder davon träumen, wie er über rote Teppiche stolziert. Er könnte im Schlaf zufrieden grunzen und die Namen der bekannten deutschen Schauspieler aufzählen, mit denen er schon zusammengearbeitet hat. Aber Vincent Redetzki tut das nicht.

„Worum geht es denn?“, fragt der Spandauer Jugendliche. Wenig später sitzt er in der Cafeteria der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, lehnt sich über den Tisch, damit nicht jeder hört, dass er interviewt wird. Derzeit ist er hier in „Trust“ zu sehen, einem Stück von Anouk van Dijk und Falk Richter. In zwei Stunden muss er auf die Bühne. Er ist aufgeregt.

Vincent ist jetzt 17 Jahre alt. Ein Alter, in dem viele Jugendliche darüber nachdenken, was das Leben bringen soll. Vincent hat diese Gedanken elf Jahre vorverlegt. Als er sechs war, stand er zum ersten Mal vor einer Kamera. Seine gesamte Familie war von einer Agentur in einem Café gecastet worden. Vincent durfte damals bei „GZSZ“ einen Satz sagen. Vielleicht der wichtigste Satz seines Lebens. Er merkte, dass das seine Welt ist. Dass er nichts anderes mehr machen wollte.

Er wird manchmal gefragt, ob seine Eltern in Wahrheit für seine Karriere verantwortlich seien. „In gewisser Weise schon. Aber ohne Unterstützung der Eltern funktioniert so etwas doch überhaupt nicht. Sie haben mich, als ich klein war, oft zu den Drehs begleitet.“ Sein Vater holt ihn nach den Vorstellungen an der Schaubühne immer mit dem Auto ab. Denn auch Vincent muss morgens pünktlich in der Schule sein. Dort ist egal, ob sein Gesicht über Kinoleinwände flackert oder nicht. Noten zählen.

2004 fing er an der Schaubühne an, da war er elf und das Stück damals hieß „Unter Eis“. Nach der Premiere stand Jürgen Schitthelm, der Direktor des Theaters, am Rand der Bühne. Schaute Vincent an und sagte zu den Mitarbeitern, die um ihn herumstanden: „Aus dem wird mal ein ganz großer Schauspieler.“

Es folgten weitere Theaterstücke wie „Im Ausnahmezustand“ oder Kinofilme wie „Die wilden Hühner“ und „Sommer vorm Balkon“. Für letzteren gewann er 2006 den „Undine Award“ als bester Filmdebütant. Vor kurzem stand er wieder vor der Kamera. An der Seite von August Diehl und Johanna Wokalek spielt Vincent einen Soldaten. „Die kommenden Tage“ wird in diesem Jahr in den Kinos laufen. Vielleicht ist es der endgültige Durchbruch.

Vincent hat sich eine Cola geholt. Die macht munter. „Denn ich bin ein ziemlich müder Mensch“, sagt er.

Vor wenigen Monaten war Redetzki zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises eingeladen. Was denn wäre, wenn sie tatsächlich… Nein, das war nicht möglich, hatten er und seine Kollegen kurz vor der Verleihung noch gedacht. Und dann fiel da sein Name, zusammen mit den Namen seiner Ensemble-Kollegen. Förderpreis für die beste Nebendarstellung in dem ZDF-Dreiteiler „Die Wölfe“. Das Zittern war weg. Die Bühne, die vielen Kameras. „Das war wie ein Traum“, erinnert er sich. Kurz darauf wurde die Produktion noch mit dem amerikanischen Fernsehpreis „Emmy“ ausgezeichnet.

Vincent geht jetzt in die elfte Klasse der Martin-Buber-Oberschule, hat die Leistungskurse Deutsch und Geschichte. Er sei dort einer von vielen, sagt er. Aber das stimmt nicht ganz. „Klar, da kommen manchmal Leute, die mich für einen Star halten, aber über so etwas kann ich nur müde lächeln.“ Da habe es einmal einen Fan gegeben, der ein Autogramm verlangte. „’Tschuldigung, aber ich will jetzt einfach mal meine Ruhe haben“, hatte Vincent gesagt. Der Fan wurde wütend und rastete aus. „Das kann doch nicht wahr sein, oder?“, fragt Vincent. Er will kein Star sein. Sondern Schauspieler.

„Tendenziell mag ich Theater sogar lieber als Filme“, sagt er. Da sei man näher an den Zuschauern dran. Ein ganz anderes Gefühl sei das. „Meistens spiele ich Problemfälle. Irgendjemand hat mir mal gesagt, ich habe das passende, leidende Gesicht dazu.“ Vincent lacht. Benicio del Toro ist sein Lieblingsschauspieler. Die beiden haben etwas gemeinsam: Sie spielen gerne kriminelle oder gescheiterte Personen. Und haben damit Erfolg.

Vincent liebt komplizierte Charaktere. Für einen Tatort musste er vor kurzem seine Film-Mutter töten – „so etwas geht an die Substanz.“ Dass er sich solchen Rollen stellen kann, hat vor allem ein Mensch möglich gemacht: Regisseur Falk Richter, der den 11-jährigen Vincent an die Schaubühne holte. Er erkannte schon damals das Talent des jungen Schauspielers. „Falk schreibt viele Rollen direkt für mich“, sagt er.

Vincent Redetzki muss jetzt los. Er schließt seine Jacke, schlüpft aus der Tür und verschwindet in der Dunkelheit. Er wird gleich wieder auftauchen: im Scheinwerferlicht der Schaubühne.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Sächsische Zeitung
Wann: 05.08.2009

16. Mai 2010

Arbeitslosigkeit

Das Hartz IV-Kind

von Anna Charonne Mayr

Andreas ist siebzehn Jahre alt. Er ist Oberstufenschüler eines Gymnasiums, seine Lehrer beschreiben ihn als engagierten Jungen, auf einem sicheren Weg zum Abitur. Sein Berufswunsch steht seit langem fest, er möchte Medizin studieren, hat sich sogar schon eine Hochschule ausgesucht. Ihm ist bewusst, welche Anforderungen an ihn gestellt werden und deshalb bewirbt er sich zurzeit für freiwillige Praktika.

Andreas’ Eltern empfangen Hartz IV. Beide haben nie wirklich einen festen Job gehabt, mit dem sie ihren Sohn und seine zwei jüngeren Schwestern hätten versorgen können. Zwar schloss der Vater eine Ausbildung ab, allerdings hatte er aus Krankheitsgründen nicht die Möglichkeit, beruflich Karriere zu machen. Dass sein Sohn nun das Abitur macht, erfüllt ihn mit Stolz und Zuversicht. Trotzdem ist Andreas, wie 1,8 Millionen andere Kinder von Langzeitarbeitslosen in Deutschland, mit der Angst zur Welt gekommen, den Sprung in die Arbeitswelt aus Herkunftsgründen nicht zu meistern.

Arbeitslosigkeit spaltet die Gesellschaft in die, die sich etwas leisten können und die, die es nicht geschafft haben. Dies macht auch vor den sozialen Verhältnissen unter Kindern keinen Halt. In Andreas’ Jahrgangsstufe gibt es außer ihm kaum weitere Kinder von Hartz IV-Empfängern, dabei wohnt er in einer Gegend in der Erwerbslosigkeit durchaus allgegenwärtig ist. Aber die meisten Kinder aus Familien mit schlechtem, sozialem Stand landen auf der Haupt- oder Realschule, denn an sie wird von Anfang an nicht der Anspruch gestellt, etwas leisten zu können. Man sagt zwar, ein Kind zweier Arbeitsloser habe die gleichen Chancen wie ein Kind der Arbeiterklasse, allerdings liegen im Weg des Hartz IV-Kindes bedeutend größere Steine als in dem eines „normalen“ Jungen oder Mädchens.

„Es war schon peinlich, wenn das Amt die Kosten für Klassenfahrten nicht ganz übernommen hat und es dann Probleme gab. Im Politikunterricht haben wir nur ein Mal über Arbeitslosigkeit geredet und natürlich war die Rede von ‚den Anderen’. Alle haben darüber gesprochen, wie man sich vielleicht fühlt, wenn die Eltern arbeitslos werden. Ich wusste ganz genau, wie das ist.“, erzählt Andreas.

Dass sich ein Jugendlicher für das Umfeld schämen muss, in das er unverschuldet hineingeboren wurde, zeigt eindeutig, dass das Gesetz die Integration eines Kindes aus sozial schwachen Verhältnissen zwar zulässt, die Gesellschaft hingegen dies oft noch gar nicht vorsieht. Andreas ist lediglich ein Ausnahmefall. Und dieser will viel von seinem Leben. Er hat sich vorgenommen, eine Familie zu gründen, seinen Kindern die Wünsche zu erfüllen, die er selbst sich schon lange abgewöhnt hat. Er sagt, er habe aus den Fehlern seiner Eltern gelernt: „Viele Jugendliche leben so vor sich hin. Sie wissen gar nicht genau, wie man enden kann, wenn man nicht aufpasst. Ich hatte nie eine Scheinwelt.“

Die Realität zwischen Geldsorgen und Existenzängsten erteilte dem Siebzehnjährigen eine Lehre, auf die er gerne verzichtet hätte. Doch ist es viel schlimmer, dass viele junge Menschen die Resignation ihrer Eltern als gegeben annehmen und übernehmen. Sozial schwach gestellten Kindern wird von der Politik der Halt verweigert, den das Elternhaus ihnen nicht geben kann, was die Akzeptanz erzeugt, nie anders werden zu können als ihre Erziehungsberechtigten. Die Arbeitslosenzahlen potenzieren sich, weil die Regierung zu wenig Frühförderung und kostenfreie Kita-Plätze bereitstellt.

Andreas müsste sich darum nicht mehr kümmern. Seine Intelligenz und die Unterstützung seiner Eltern hat ausgereicht, um ihn an sich glauben zu lassen. Trotzdem sieht er, dass die Kindheit mit Hartz IV immer ein Teil von ihm bleiben wird.

„Ich finde es komisch, dass Menschen ihr Geld verschwenden, für Dinge, die sie nicht brauchen, anstatt es zu spenden. Hoffentlich werde ich nicht irgendwann so.“, sagt er und weicht unsicher dem Blick seines Gegenübers aus. Denn er weiß, dass Einkommen und Bedürfnisse oft miteinander wachsen. Aber er hat auch erlebt, wie viel zehn Euro mehr oder weniger für eine Familie bedeuten können, denn Ungerechtigkeit ist für Hartz IV-Kinder allgegenwärtig.

„Mich stört es sehr, dass ich selbst nur 150 Euro im Monat verdienen darf. Ich will meinen Führerschein machen und weiß nicht, wie viele Zeitungen ich am Wochenende austragen müsste, bis ich mir Fahrstunden leisten kann.“

So spricht Andreas ein Problem an, welches besonders Jugendliche in Hartz IV-Familien haben. Es ist ihnen erlaubt, sich Taschengeld dazuzuverdienen, aber größere Wünsche bleiben verwährt oder müssen über lange Zeit mit Minijobs zusammengespart werden. Ihnen bleibt das Grundrecht vorenthalten, angemessenen Lohn für die eigene Arbeit zu bekommen.

Natürlich haben Eltern, die arbeitslos sind, oft Fehler gemacht. Aber mit der Einführung von Hartz IV vor sechs Jahren leistete sich die damalige Regierung einen viel größeren Fehltritt. Denn seitdem werden junge Menschen dafür bestraft, die Kinder ihrer Eltern zu sein.

16. Mai 2010

Leukämie

Im neunten Bett stirbt man nicht

von Veronika Widmann

„Du musst sofort ins Krankenhaus, es kann sein, dass du die Nacht drin bleiben musst.“ Es ist der 26. Dezember 1999, die 11-jährige Conny Schmidt sitzt im Behandlungszimmer ihres Hausarztes. Schon den ganzen Tag lang hat sie starke Bauchschmerzen. Und jetzt soll sie also ins Krankenhaus – wo doch gerade die Ferien begonnen haben. Wenig später liegt sie in einem Krankenwagen, der mit Blaulicht in Richtung München rast. Conny hat keine Ahnung, was mit ihr nicht stimmt, aber sie weiß, dass es ernst ist. In diesem Moment ist sie sicher, dass sie sterben muss.

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, liegt sie in einem engen Raum mit kahlen Wänden. Überall stehen Überwachungsgeräte, an der Decke dreht sich dröhnend ein riesiger Ventilator. Menschen kommen an ihr Bett und beugen sich über sie: Sie sind dick in Kittel, Handschuhe, Mundschutz und Haube vermummt – sogar ihre Mutter! Wenn sich andere Menschen nur so an ihr Bett trauen, dann muss ihre Krankheit wohl wirklich schlimm und extrem ansteckend sein. Wahrscheinlich habe ich nur noch ein oder zwei Tage zu leben, denkt sie sich. „Was ist denn eigentlich los mit mir“, fragt sie immer wieder nach, aber weder aus den Ärzten noch aus ihrer Mutter bekommt sie eine Antwort heraus. Als sie das Isolationszimmer kurz verlassen darf, sieht sie auf dem Gang die anderen Kinder der Station, die alle keine Haare mehr haben – ein Zeichen für Krebs. In diesem Moment ist das für sie eine riesige Erleichterung. Dann hat sie selbst also auch „nur“ Krebs und keine schreckliche, ansteckende Seuche! Krebs kann man doch behandeln – sie hätte sich also keine so großen Sorgen machen brauchen!

Als nach einer Knochmarkpunktion endgültig feststeht, dass sie an Leukämie erkrankt ist, beginnt sofort die Suche nach einem Knochenmarksspender. Ihre Familie lässt sich testen, in ihrem Heimatdorf und im gesamten Landkreis gibt es einen Spendenaufruf. Doch alle Bemühungen bleiben vergeblich und nach drei Monaten Suche wird sie in die Hochrisikogruppe eingestuft. Auf den Protokollen des Therapieverlaufs steht bei der Überlebenschance eine neue Zahl: 30%.

30%, das bedeutet, dass jeder dritte Patient überleben wird. Conny zählt also die Betten auf der Station durch – und ihres ist das neunte! Also wird sie überleben. Von nun an denkt sie nicht einmal mehr daran, dass sie sterben könnte, es gibt einfach keine solche Option mehr. Und noch etwas anderes gibt ihr Kraft und Sicherheit: sie weiß, dass von ihrer Familie über ihre Klassenkameraden bis hin zu den Bewohnern ihres Heimatortes ungemein viele Menschen hinter ihr stehen

Wie viel kann ein Mensch aushalten? Was ist wirklich „schlimm“? Immer wieder stellt Conny sich diese Fragen. Eines Tages dreht sie also einfach am Rädchen an ihrem Tropf und ver-hindert so, dass Schmerzmittel in ihr Blut gelangen. Die Schmerzen werden stärker. Erst fühlt es sich an, als würde jemand das Knochenmark aus ihrer Wirbelsäule ziehen, dann plötzlich so, als wäre zu viel drin und ihre Knochen müssten zerspringen. Connys Kopf fühlt sich an, als wäre ihr Gehirn lose und jemand würde ihn kräftig hin und her schütteln.

Sie muss würgen, Säure aus ihrem Magen trifft auf die von der Chemotherapie wunden Stellen in Hals und Mund, die brennen wie Feuer. Als die Monitore schließlich Alarm schlagen, bekommt Conny das längst nicht mehr mit – sie ist ohnmächtig.

Kurze Zeit später wacht sie wieder auf. Rasch geht es ihr besser, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, denn sie hat sich selbst bewiesen, dass etwas wirklich Schlimmes einem Menschen eigentlich gar nicht passieren kann. Wenn die Schmerzen zu stark werden, dann wird man sowieso ohnmächtig. Sterben tut also nicht weh. Und nach dem Tod, das steht für sie fest, muss es auf jeden Fall irgendwie weitergehen.

Insgesamt verbringt Conny neun Monate im Krankenhaus, dann hat sie es geschafft: Sie hat den Krebs besiegt und kann wieder ein normales Leben führen. Zwei Jahre später macht Conny eine Erfahrung, die sie viel mehr erschüttert als ihre eigene Krankheit: Ihr Vater bekommt Krebs. Seine Überlebenschancen sinken auf unter fünf Prozent. Conny wird bewusst, wie sehr ihre Familie damals gelitten haben muss. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie ohne ihren Vater leben müsste. Aber das geht nicht, er muss einfach dableiben! Sie versucht etwas von dem zurückzugeben, was ihr geschenkt worden ist. Mit Videobotschaften und Briefen will sie ihm zeigen, dass er wichtig ist und jetzt noch nicht gehen darf. Er soll dasselbe Gefühl der Sicherheit und des Rückhalts bekommen, das für sie so wichtig war. Entgegen aller Erwartungen wird Connys Vater wieder vollständig gesund.

Conny ist jetzt 21 Jahre alt. Sie ist sich sicher, dass sie mit dem Gedanken an ihren eigenen Tod vor allem deshalb so gut umgehen konnte, weil sie noch so jung war. Und noch etwas steht für sie fest: Die Angst jemanden zu verlieren, den man liebt, ist viel schlimmer als die Angst, selbst zu sterben.

16. Mai 2010

Dora Heinrich Ratjen

Ein sehr starkes Mädchen

von Alexandra Duong

20. November 1918: In einem Haus am Erichshofer Kriegerdenkmal kommt ein kleines Mädchen zur Welt. Oder ist es ein Junge? Das Baby wird auf den Namen Dora getauft und als Mädchen erzogen. Knapp 20 Jahre später steht es im Mittelpunkt eines der größten Sportskandale der deutschen Geschichte. Dora Ratjen, die bei der Europameisterschaft 1938 Weltrekord im Hochsprung der Frauen aufstellt, ist keine Frau.

Zwei Jahre zuvor hat sie an den Olympischen Spielen in Berlin teilgenommen und wurde Vierte. Nach der Enttarnung im September 1938 haben sich Polizisten, Ärzte und Journalisten mit dem Fall beschäftigt. Im Fokus stand dabei die Schuldfrage: Wer war für die Täuschung verantwortlich? Die Nazis, die Familie, Dora selbst?

Der Film „Berlin ’36“, der am 10. September in den Kinos anlief, findet darauf folgende Antwort: Die Reichssportführung hat gewusst, dass Ratjen in Wirklichkeit ein Mann war. Um die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann auszustechen, hat man Dora bei den Olympischen Spielen antreten lassen. DER SPIEGEL widerspricht dieser Darstellung. Vielmehr sei bei der Geburt das Geschlecht des Neugeborenen aufgrund einer anatomischen Abweichung nicht klar feststellbar gewesen. Deshalb hätten die Eltern das Kind als Mädchen erzogen. Aus Scham und Verwirrung habe sie, die sich wie ein Mann entwickelte, jahrelang ein Versteckspiel spielen müssen.

Dora, die 1939 in Heinrich umbenannt wurde, ist letztes Jahr in Bremen gestorben. Welche Spuren von ihm sind in seinem Heimatort noch zu finden?

„Dora und ich waren unzertrennlich“, sagt Fredy Hohnhorst. Er wurde 1919 in Erichshof geboren und lebt heute noch in dem Weyher Ortsteil. In Kindheitstagen sei Dora seine beste Freundin gewesen, erzählt der 90-Jährige. Die beiden waren in einer Klasse und haben „alles zusammen gemacht.“ Früher sei er immer der Kleinste gewesen und Dora habe ihn bei Schlägereien verteidigt. Hohnhorst: „Sie war sehr stark. Und sie konnte viel besser klettern als ich.“ Trotzdem habe sie wie ein Mädchen gewirkt und immer Röcke getragen, so wie es damals üblich war. Hat nicht mal jemand Verdacht geschöpft? Nein, sagt Hohnhorst, niemandem sei etwas aufgefallen.

Dora war das jüngste Kind, sie hatte drei ältere Schwestern. Anfang der 30er Jahre zog die Familie in die Bremer Neustadt, ins Buntentor, wo der Vater eine Schankwirtschaft eröffnete. Später übernahm Heinrich die Wirtschaft von seinem Vater. Er führte sie von 1954 bis 1973, das belegen die Unterlagen des Stadtamtes. Sein Jugendfreund Hohnhorst hat ihn dort noch einmal besucht.

„Mich hat er auch zu sich eingeladen“, erinnert sich Gertrud Warnke, 90, ebenfalls geboren in Erichshof. Sie ist hier aufgewachsen, hat später das Lebensmittelgeschäft von ihren Eltern weitergeführt und lebt heute am Rand des ehemaligen Dorfes. Sie saß in der ersten Klasse neben Dora. „Ich habe gerne mit ihr gespielt“, sagt die Rentnerin, „aber meistens war sie auf dem Fußballplatz mit Fredy und den anderen Jungen.“ Die Einladung habe Warnke damals nicht angenommen, weil sie nicht gewusst hätte, wie sie sich Heinrich Ratjen gegenüber verhalten sollte: „Ich kannte Dora ja nur als junges Mädchen.“ Allerdings hat sie die Freundin noch einmal gesehen, nachdem die Familie weggezogen war. „1934 oder ’35 muss das gewesen sein“, überlegt Warnke. Dora sei mit dem Fahrrad gekommen, um ihre Tante zu besuchen, und die beiden Mädchen seien sich auf der Straße begegnet. Dora habe sich gefreut: „Gertrud, dass ich dich noch mal sehe!“ Und: „Guck mal, ich kriege einen Bart. Ich muss mich rasieren!“ Warnke lacht und schlägt die Hände vors Gesicht, wenn sie sich daran erinnert. Das sei ihr damals natürlich merkwürdig vorgekommen, aber weiter nachgefragt habe sie nicht.

Ungefähr um diese Zeit muss Johann Baumer Dora Ratjen kennengelernt haben. Aufgewachsen ist Baumer, 85, in der Neustadt – und „Dora Ratjen war ein Star“, erinnert er sich. Ihre männliche Erscheinung war auffällig, aber bei ihren sportlichen Leistungen sei das egal gewesen. Dora hat im Sportverein Komet Bremen Handball gespielt und Hochsprung betrieben. „Sie war unser großes Vorbild“, sagt Baumer. Auch die Kneipe war ein Begriff: „Der Vater war ein unterhaltsamer Mensch und die Tochter berühmt. Die Prominenz vom Buntentor ging dort gepflegt ein Bier trinken.“ Dann 1936 die Teilnahme an den Olympischen Spielen – „jemand vom Buntentor bei Olympia, das war was!“ Nachdem das wahre Geschlecht der Dora Ratjen ans Licht gekommen war, hätten die Leute zuerst nicht gewusst, wie sie sie beziehungsweise ihn ansprechen sollten. Aber niemand habe Ratjen ausgelacht, der weiter Handball spielte und darin „unschlagbar“ blieb. In der Drogerie, die Johann Baumer viele Jahre führte, hat er regelmäßig eingekauft. Nachdem Heinrich Ratjen die Kneipe in den siebziger Jahren aufgegeben hatte, verlor der ehemalige Drogist ihn aus den Augen. „Aus dem hätte damals noch mehr werden können“, glaubt Baumer. Wenn das mit dem falschen Geschlecht nicht gewesen wäre.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Regionale Rundschau
Wann: 01.10.2009

16. Mai 2010

Buchenwald

Verfluchte Stunden im KZ-Bordell

von Christoph Seidl

Der perverse Plan kam von Heinrich Himmler: Der SS-Führer ließ in den Lagern Bordelle bauen. Die Frauen waren als Anreiz für fleißige KZ-Häftlinge gedacht. Die weiblichen Opfer werden nur langsam der Vergessenheit entrissen. In der Gedenkstätte Dachau stehen sie noch im Abseits.

Magdalena sitzt auf dem schmalen Bett, wie jeden Abend. Fahles Licht fällt ins Zimmer, die Blumen auf dem Nachttisch werfen Schatten. Es ist sieben Uhr abends, KZ Buchenwald. Magdalena wartet im Lagerbordell, davor eine Gruppe männlicher Häftlinge, exakt aufgereiht. Sie hört, wie die Männer hineingeführt werden. Dann reißt ein SS-Mann die Tür auf, schubst einen Mann in ihr Zimmer und sperrt ab. Das Warten auf die verfluchten Stunden ist zu Ende. Das Grauen beginnt.

Magdalena ist Sex-Zwangsarbeiterin, eine von mehreren Hundert, die in den Lagerbordellen anschaffen mussten – für die Nazis. 174 der Frauen sind namentlich bekannt, vermutlich waren es viel mehr. Frauenbordelle gab es in zehn großen Konzentrationslagern wie Dachau und Auschwitz, errichtet haben sie die Nazis 1942 bis 1945. Die Frauen waren gedacht als Anreiz für die Häftlinge, mehr zu arbeiten. Fleißigen KZ-Häftlingen winkte ein Prämienschein, mit dem Zigaretten und Essen gekauft werden konnten – oder Frauen.

Die Idee entstand im Kopf von SS-Chef Heinrich Himmler. Am 23. März 1942 schrieb er in einem Brief: „Für notwendig halte ich, daß in der freiesten Form den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden.“ Frauen waren für ihn „Antriebsmittel“, um Häftlinge in den Steinbrüchen und NS-Betrieben härter schuften zu lassen. Der Bordellbesuch sollte, so Himmler, „nur den Spitzenkräften als besondere Belohnung“ ermöglicht werden. Es waren Kapos, Blockschreiber, Blockälteste, die Handlanger der SS, die den Betrieb am Laufen hielten. Einige von ihnen gingen zu Magdalena.

Magdalenas Albtraum beginnt im Juli 1943. Sie steht mit anderen Frauen in einem Raum des Frauen-KZ Ravensbrück, vor ihnen steht der Lagerarzt. „Das Gerippe wollen Sie auch mitnehmen?“, fragt er den Mann neben sich. Der Kommandant vom KZ Buchenwald blickt an Magdalena herab, splitternackt ist sie. Dann sagt er: „Die ist gut gebaut, die füttern wir schon wieder zurecht.“ Die selektierten Frauen werden in einen Waggon verladen.

Stunden später stehen sie in einem Raum im KZ Buchenwald. Eine Lageraufseherin sagt ihnen: „Ihr seid in einem Häftlingsbordell. Wenn ihr euch fügt, wird euch nichts passieren.“ Dann weist sie den Frauen Zimmer zu, Magdalena die Nummer 13. Eine Woche später wird das Bordell eröffnet. Schon am ersten Abend kamen sechs Männer in ihr Zimmer. Name für Name steht auf dem „Abrechnungsbogen“ von Magdalena, den der Forscher Robert Sommer im Archiv fand.

Was sie zu ertragen hatte, steht in keinem Dokument. Am Türspion der Zimmer überwachten SS-Führer das Geschehen, erlaubt war nur die Missionarsstellung. „Wir mussten jeden Abend die Männer über uns rübersteigen lassen. Rein, rauf, runter, raus. Dann kam gleich der nächste. Am laufenden Band“, erzählte es Magdalena vor Jahren einer Historikerin.

Himmlers Plan, mit Bordell-Prämien die Produktivität der Arbeitssklaven zu steigern, ging nicht auf. Vor allem privilegierte Häftlinge gingen in den Sonderbau. Der größte Teil der Häftlinge kämpfte dagegen ums Überleben. „Die Masse hat nur eine Sehnsucht, und das ist: fressen, fressen, fressen“, erzählte ein früherer Häftling.

Die KZ-Gedenkstätten haben das Thema „Lagerbordell“ lange ausgeklammert. Nach dem Krieg passte das Thema Zwangsprostitution nicht in den Erinnerungsdiskurs. Das ist zum Teil noch heute so. In der Gedenkstätte Dachau wird das Bordell bei Führungen nicht erwähnt. In den Räumen des Besuchermuseums stehen viele weißgraue Infotafeln. Nur auf einer Tafel wird nebenbei das Bordell erwähnt – die Opfergruppe der Zwangsprostituierten nirgends. Dabei mussten in Dachau 19 Frauen anschaffen. Allein am 24. Oktober 1944 besuchten 76 Häftlinge die „Baracke 170a“, fand Sommer heraus.

„Bei Führungen brauchen wir Antworten, die schnell zu vermitteln sind“, erklärt die Gedenkstätten-Leiterin Gabriele Hammermann. Sie befürchtet, dass eine oberflächliche Erwähnung des Bordells das Leiden der Häftlinge verharmlosen könnte. Für so ein komplexes Thema reiche eine einzelne Tafel nicht aus, sagt Hammermann. „Uns geht es nicht darum, etwas zu verschweigen, sondern darum, dass auch ein uninformierter Besucher das Thema einordnen kann“, betont sie. In einem Vortrag könne man das Thema aufgreifen, sagt Hammermann. Konkrete Pläne hat sie nicht. Andere Gedenkstätten sind Dachau weit voraus. Ravensbrück oder Mauthausen hatten bereits ihre Ausstellungen.

Magdalena hat die NS-Herrschaft überlebt. 17 Monate lang musste sie im Lagerbordell Buchenwald anschaffen. Nach dem Krieg hat sie kaum über diese Zeit gesprochen. Entschädigt wurde sie nie, ebenso wenig die anderen Zwangsprostituierten. Heute kann Magdalena niemandem mehr von ihrem Schicksal erzählen. Sie ist inzwischen gestorben.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: www.merkur-online.de
Wann: 18.12.2009

16. Mai 2010

Hans-Dieter

Der Geruch des Lebens

von Viola Diem

Wenn er den Raum verlässt, bleibt er. Obwohl er sich an Gesprächen kaum beteiligt. Obwohl er manchmal geht, ohne sich zu verabschieden. Hans-Dieter bleibt, weil man ihn riecht. Er bleibt auf dem Sofa, an der Stuhllehne, an der Hand, die er schüttelte. Er zieht in jede Nase. Am 15. Mai 1985 kam er auf einen Bauernhof im Kreis Verden. Zu Erika und dem Chef. Die Landwirte sollen doch ausprobieren, ob der geistig behinderte Junge für die Arbeit hier zu gebrauchen sei. Eine Woche auf Probe. Daraus wurden 25 Jahre. Hans-Dieter ist heute zweiundvierzig, wohnt hier und riecht nach seinem Leben. Nach Kuhmist, Käsebrot und verstaubten Musikkassetten.

Seine Eltern wollten ihn nicht. Hans-Dieters Reise von Heim zu Heim endete in einem S.O.S.-Kinderdorf bei Hamburg. „Sie haben es versucht. Aber er log, betrog und schmiss seiner Scheiße um sich“, sagt Erika. Was er auf ihren Hof mitbrachte, waren ein Hygiene-Problem, duzende TKKG-Hörspiele und die Diagnose ‘unbeschulbar’. Mit dem Bettnässen sei es in den letzten viel Jahren besser geworden. „Und für die Kassetten bin ich inzwischen auch wirklich zu alt“, bemerkt Hans-Dieter. Er kann ein paar Wörter schreiben – in Druckbuchstaben und Krakelschrift. Wenn er ‘Kecksä’ auf einen Zettel schmiert, weiß Erika, was sie mitbringen soll. Erika kocht. Erika legt ein frisches Hemd raus. Erika kauft neue Unterhosen und holt alte Nutella-Brote unter seinem Bett hervor. „Hart wie Schuhsohlen.“ Bei Erika und ihrer Familie feiert er Weihnachten. Zum Chef sagt Dieter manchmal: „Und wenn ich in der Melkekammer schlafe: Auch, wenn der Hof nicht mehr ist, ich bleibe hier!“ An anderen Tagen will er lieber zurück nach Hamburg. Zu der Frau, die ihn im Heim großzog und noch immer am Geburtstag anruft. „Aber was soll Ziehmutter anfangen mit einem Mann, der seine verdreckten Socken über das Sonntagshemd legt!“, flüstert dann Erika.

Jeder Tag beginnt um 6 Uhr morgens mit Stall fegen und Vieh füttern. Immer das gleiche. Und immer wieder unter Aufsicht und Anleitung. Heute dauert es bis 11.26 Uhr ehe er rumbrüllt. Es sind minus vier Grad, aber die Stimmung ist erhitzt. Über den ganzen Hof und das gemütliche Tuckern des Treckers hinweg, keift Hans-Dieter Fäkalausdrücke in größter Vielfalt und mit purer Entrüstung unterlegt. Schuld hat ein klemmendes Scharnier am Anhänger – eine Nichtigkeit. Zwanzig Minuten später ist alles vorbei. Beim Essen wird er wieder kaum einen Ton sagen. Vorher bleibt er, wie jeden Tag, vor dem Barometer stehen. Klopft darauf. Geht schlurfender Weise einen Meter zurück, wieder vor. Visiert die kleinen Anzeigen. Ein konzentrierter Blick jugendlicher, blauer Augen durch Brillengläser, dick wie zwei Scheiben Schwarzbrot. „Mmmmhh. Vier Grad minus. Schweinekalt! Dreckswetter!“ Es gibt Hochzeitssuppe und ‘NDR1 – Radio Niedersachsen’. Ravioli und DJ-Bobo mag er lieber. Essen tut er trotzdem. Mehr und mehr. Bis Erika irgendwann sagt, dass es auch mal gut sei. Dann geht er wieder an die Arbeit. Es wird getan, was anfällt. Nach Feierabend, verputzt er einen ganzen Laib Brot. Jede Scheibe sorgfältig mit Käse belegt. Wer nochmal raus geht, dem sagt Hans-Dieter, er solle sich dick anziehen. „Es ist schweinekalt!“ Dann sitzt er in seinem Zimmer, lauscht dem Radioprogramm und nimmt Lieder auf, die ihn besonders überzeugen. Bis in die Puppen. „In manchen Nächten schläft er gar nicht“; sagt Erika. „Dann geistert er durchs Haus und denkt, niemand tät’s bemerken.“

Morgen ist Sonntag. Der beste Tag der Woche. Den ganzen Nachmittag hat er frei. Auf seinem Fahrrad besucht Hans-Dieter dann die ländlichen Großereignisse: Fußballspiele der Kreisklasse, Weihnachtsmärkte, Straßenfeste. Jeder kennt ihn. Jeder findet ihn seltsam. Nicht einer weiß seinen Nachnamen. Im Sommer kommt er mal raus – mit dem Chef Ausstellungen für landwirtschaftliche Großmaschinen besuchen. Morgen ist Sonntag. „Da will ich wohl mal bei Andreas rumgucken.“ Andreas ist wie Hans-Dieter. Nur unrasiert. Und Andreas kauft sich nicht, wie er, die BRAVO, sondern „guckt immer so schmierige Filme. Davon will ich gar nichts wissen!“ Die Schamesröte auf den Wangen überführt Verlegenheit und Lüge. „Diese Pornozeitschriften hat er doch auch schon zu Haufe in seinem Zimmer versteckt“, sagt Erika später. Hans-Dieter schlürft seine Milch. Schmatzt. Atmet durch die Nase. Ein. Aus. Gleichmäßig und geräuschvoll wie eine Luftpumpe. Schweigt. Sein hornhäutiger Zeigefinger schiebt die Brille nach oben. Rote Hände hat er. Gefärbt und aufgedunsen von harter Arbeit und den Jahreszeiten. Die Haut gerissen und vernarbt von Stacheldraht und Minustemperaturen. Gelbe Fingernägel fahren durch das braune Haar und wenn er dann die Stirn runzelt, fallen ganz plötzlich die ersten grauen Strähnen auf, die sich sonst hinter einem bübischen Grinsen verstecken. Morgen ist Sonntag. Zwanzig Euro kriegt er da vom Chef. Von dem Geld kauft er Kekse. Im feinen Hemd steht er dann in der Tanke, zahlt und riecht.