Beiträge 2010

16. Mai 2010

Niemand reagierte

„Ey, du scheiß Jude!“

Antisemitismus in Deutschland im Jahre 2010

von Dalia-Ruth Grinfeld

28. Januar 2010, zunächst ein gewöhnlicher Schultag, doch auf Sarahs Heimweg passierte etwas Furchtbares, das für sie unbekannt und doch bekannt war.

„Ey, du scheiß Jude! Verpiss dich, das ist mein Platz!“, wurde Sarah von einem blonden Jugendlichen mit düsterer Miene und erhobenem Zeigefinger im Bus angeschrieen. Er und seine drei köpfige Crew, die er im Schlepptau hatte, starrten sie voller Verachtung und Missbilligung an.

Sarah ist eine jüdische Jugendliche (16), die ein Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf besucht. Ihre Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion und sind Anfang der 90er Jahre nach Berlin umgezogen. Sarah selbst ist in Berlin geboren worden. Sie ist ein schüchternes, sich zurückhaltendes Mädchen, nicht besonders groß, zierlich mit großen grünen Augen und braunen Locken bis zu den Schultern.

Ihr Umfeld ist konfessionsgemischt. Von christlich über jüdisch bis hin zu islamisch ist alles dabei. Ihr bester Freund kommt aus Nigeria und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Sarah hat sich nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, dass er farbig ist, weil er noch nie in rassistisch bedingte Konflikte geraten ist.

Die schüchterne Sarah stand vollkommen unter Schock, spürte ihre eigenen Körperteile nicht mehr und brachte keinen Ton heraus. Sie saß einfach nur da und hoffte in ihrem tiefsten Inneren, dass ihr jemand helfen würde. Selber nach Hilfe fragen, so wie sie es gelernt hatte, ging in diesem Moment nicht, erzählt sie. Sekunden, die ihr wie Stunden ja sogar wie Jahre vorkamen, vergangen und nichts passierte. Weder die vier Jugendlichen sagten etwas, noch sonst irgendjemand. Doch leider blieb es nicht bei dieser Stille. Die Jungs schrieen sie erneut an: „Sag mal, hörst du etwa schlecht, oder was?! Ich sagte du sollst abhauen!“ Einer aus der Bande, der entsetzlich nach Rauch stank und eine schwarze Cappy mit passendem Sportanzug trug, deutete aus Sarah und grölte: „Weißt du auch warum? Du bist ein dreckiges Judenschwein!“ Wiederum ein anderer, an den sie sich nur blass erinnert sagte grinsend: „Ja genau und du hast es nicht verdient hier auf unseren Plätzen zu sitzen! Das sind nämlich deutsche Plätze!“ Der letzte aus der Runde mit einer modernen Röhrenjeans und Kapuzenpulli fügte ziemlich gelassen hinzu: „Wieder ein Tag an dem man merkt, dass zu wenig Juden vergast worden sind. Man sollte sie eben doch alle umbringen.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich Sarah keinen Zentimeter bewegt, sie ist sich nicht mal sicher, ob sie geatmet hat. Sie hat sich vom ganzen Herzen gewünscht aufzustehen, doch ihre Beine spielten nicht mit. Die ersten Tränen kullerten über ihre Wangen. Einer der Jungs packte sie am Arm und zerrte sie von ihrem Platz weg. Dabei stieß sie gegen eine Stange und blutete leicht, was sie erst später bemerkte und ihr ziemlich egal war. Sie pöbelten erneut und schrieen „Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir mit euch Wertlosen vorhaben!“

Niemand reagierte. Sie war immer noch auf sich alleine gestellt.

In der nächsten Sekunde war sie froh, dass ihre Beine stand hielten und, dass sie fähig war zur Tür zu rennen. Ohne großartig zu überlegen drückte sie wie ein wildgewordenes Tier den Stoppschalter um der Höllenfahrt ein Ende zu bereiten, erzählt sie mit schluchzender Stimme und Tränen in den Augen. „Endlich hielt der Bus“ und sie sprang hinaus „in die Freiheit“, zurück in ihr normales Leben.

Aufgelöst rief sie ihre Mutter an und stotterte „Mama, hol mich am Mierendorfplatz ab – wichtig – schnell – jetzt – abholen.“ Innerhalb weniger Minuten kam ihre Mutter angerast, weil sie die Dringlichkeit verstanden hatte und nahm ihre Tochter in den Arm. „Sie hat mich noch nie in solch einem Zustand gesehen – niemand.“ Sie fuhren nach Hause, versorgten die Wunde und dann erzählte Sarah, immer noch gelähmt von den Ereignissen, was passiert war.

Die Höllenfahrt hat sich in ihrem Kopf eingebrannt, zwar kann sie mittlerweile damit umgehen und hat keine Angst mehr alleine Bus zu fahren, aber sie trägt keinen Davidstern (Symbol für das Judentum) mehr in der Öffentlichkeit, weil er sie „verraten hat“. „Das heißt nicht, dass meine jüdische Identität und Religion mir weniger wichtig sind als vorher oder, dass ich sie leugne, im Gegenteil ich stehe noch stärker hinter dem Judentum.“

Wo waren die anderen Fahrgäste? Warum hat keiner etwas gesagt, die Polizei oder den Busfahrer verständigt? Keine Menschenseele hat ihr geholfen. Nicht einmal als sie verletzt war. Was hätte noch passieren müssen, bis jemand Zivilcourage gezeigt hätte?

Sarah wurde körperlich, aber vor allem psychisch verletzt. Genau wie viele Juden vor ihr.

Ein Tag nach dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die reinste Tragödie!

Müssen Sarah und alle anderen in Deutschland lebenden Juden Angst vor ihrem zukünftigen jüdischen Leben hier haben?

Muss so etwas passieren, dass Deutschland aufwacht und merkt, dass es Arbeit gibt?

16. Mai 2010

Vietnam Veteran

Der Tod ist sein Leben

von Lisa Meyer

Zufrieden ist kein Begriff, mit dem man einen gebrochenen Mann beschreiben würde. Einen Überlebenden an einem Ort für Tote. Zufrieden ist er, gebrochen müsste er sein: Parker O`Donnald, 61, freiberuflicher Historiker am Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C. Er hat einen festen Händedruck, die Augenlider sind halb geschlossen. O´Donnalds Eltern: tot. Der Bruder: tot. Die Frau: tot. Der Sohn: tot. Sein Beruf: Erinnern an Tote. „Ich bin zufrieden“, sagt O´Donnald. Er wird nur noch ein paar Jahre leben.

Mit schlurfenden Schritten spaziert er an der fast 80 Meter langen Wand entlang. Seine hängenden Schultern und die gedrungene Figur wollen nicht zu dem bubenhaften Lächeln passen. Auf Granitplatten sind die Namen der 58.261 gefallenen oder vermissten amerikanischen Vietnam-Soldaten eingraviert. Während die Regentropfen von seiner schwarzen Jacke abperlen, saugt die dunkelblaue Kappe auf dem haarlosen Kopf alles Wasser auf. Sie hat bessere Tage gesehen; in ehemals goldenen Lettern steht darauf: Vietnam Veteran.

Jeden Tag kommt O’Donnald zu der Gedenkstätte. Mit dem Mittelfinger streicht er über den schwarzen Stein, er fühlt die Namen während er ihre Geschichten erzählt. An der Stelle seines rechten Zeigefingers ist nur noch ein kleiner Stumpf. Die eigentlichen Verletzungen aus dem Krieg sind nicht auf einem OP-Tisch zu verarzten.

Mit 17 trat er der Armee bei, als Soldat der Infanterie kämpfte er vier Jahre lang im Vietnamkrieg. Zweimal wurde er verwundet, beide Male überlebte er nur knapp. „Das Gesicht des Mannes, den ich als erstes direkt erschossen habe, sehe ich fast täglich vor mir“, sagt O’Donnald. An seiner Brust hängen die Abzeichen seiner Militärlaufbahn, ein „Vietnam Veterans“-Wimpel baumelt von dem zerschlissenen Rucksack.

Die Wand scheint sich in der Ferne auszudehnen; wie ein aufgeschlagenes Buch steht das Memorial im Constitution Garden. „Es könnte keine bessere Gedenkstätte für Vietnam Veteranen geben“, sagt O’Donnald. Speichel sammelt sich in seinen Mundwinkeln. Die Augen tränen im Wind.

Viele Besucher brauchen Hilfe bei der Suche nach den Namen ihrer Angehörigen an der Wand. Die Logik der Anordnung ist nicht leicht zu verstehen, O’Donnald kann helfen. Mit stockender Stimme bedankt sich eine zierliche Frau aus Minnesota wieder und wieder. Von grauen Haarsträhnen verdeckt, sind ihre Augen auf den Namen ihres Mannes fixiert. Mit der Kamera ihres Handys hat sie versucht, ihn festzuhalten. O’Donnald trocknet die Stelle mit einem gelbem Tuch, er reicht ihr ein Blatt Papier und einen Bleistift.

„Viele Besucher sind selbst Vietnam Veteranen oder Angehörige von gefallenen Soldaten“, sagt O’Donnald. Sie erzählen ihre Geschichten, O’Donnald erzählt seine.

Das Memorial hätte sein Leben gerettet, sagt O’Donnald. 2001 kam er zum ersten Mal an die Gedenkstätte. Diese Konfrontation hat ihm gleich geholfen, mit den schlimmen Erinnerungen besser umgehen zu können: „Wir Veteranen sind der Abfall dieser Gesellschaft. Alleine das Memorial zeigt uns: Du bist nicht allein. Die Opfer, die du gebracht hast, sind nicht vergessen.“ Seitdem kommt er täglich. Als er alles verloren hatte, gab ihm die Gedenkstätte nicht nur neue Kraft, sondern auch eine neue Berufung. Alles, was es über den Krieg zu wissen gibt, hat O’Donnald aufgesogen und sich angelernt.

„Manchmal ist es hart, jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu werden“, sagt O’Donnald. Frische Blumen und vergilbte Fotos lehnen an der Mauer, durchweicht vom Dauerregen dieser Tage. „Aber es ist ja auch eine Gedenkstätte für die Lebenden. Die Besucher sehen und spüren die Namen ihrer Kameraden und Angehörigen. Das ist ein unglaublicher Trost“. O’Donnald ist hier, um sich und den anderen zu helfen. Er begleitet sie bei dem Prozess, die gesuchten Namen an der Wand zu finden. Er erzählt nüchterne Fakten und gibt ihnen persönliche Gesichter. Der Tod ist sein Leben – nicht nur beruflich.

„Meine Frau starb an Krebs, mein Bruder bei einem Auto-, mein Sohn bei einem Motorradunfall“, sagt O’Donnald ohne Regung. Auf der glatten Oberfläche der Granitplatten spiegelt sich sein Gesicht. Mit 27 Namen auf der Wand verbindet ihn eine persönliche Geschichte, viele seiner Freunde sind im Krieg neben ihm getötet worden. „Ich bin auf den Tod vorbereitet. Sobald du geboren bist, beginnst du zu sterben, das ist der Lauf der Dinge. Jeder hat ein bisschen Zeit, um sein Bestes zu geben. Und ich habe sogar mehr davon als erwartet“, O’Donnalds Körper ist von Krebs zerfressen.

„Jede Geschichte ist anders und jede Geschichte ist wieder berührend, da stumpft man nicht ab“, sagt O´Donnald während sich sein Blick in der Ferne verliert. „Die Konfrontation mit dem Tod erinnert mich daran, dass nichts im Leben garantiert ist, dass jeder Tag ein Geschenk ist“. Winkend kommt die Witwe aus Minnesota auf O´Donnald zu. Sorgfältig steckt sie sein Blatt Papier in ihre Manteltasche. Darauf: Der abgepauste Name ihres toten Mannes.

Mediengattung: Zeitung
Publiziert: ja
Medium: Tenley Times
Wann: 09.12.2009

16. Mai 2010

Afghanistan-Krieg

Mit einem Bein im Leben

Der deutsche Soldat Tino Käßner verliert bei einem Bombenattentat in Afghanistan einen Unterschenkel. Seinen Lebenswillen aber verliert er nicht.

von Anna-Lisa Behnke

Auf der Route Violet ist viel Verkehr. Oberfeldwebel Tino Käßner fährt den Wolf, das gepanzerte Bundeswehrfahrzeug, auf der vierspurig ausgebauten Verbindungsstraße zwischen Jalalabad und Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Gemeinsam mit seinem Kameraden Stefan Deuschl begeleitet er Oberstleutnant Armin Franz zu einem Treffen mit der örtlichen Polizei in Kabul.

Plötzlich taucht ein weißer Toyota zwischen den Betonquadern auf, welche die Fahrbahnen in unregelmäßigen Abständen trennen, und rammt das Auto der Soldaten. Tino Käßner verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, es prallt gegen eine der Abgrenzungen und kommt zum Stehen. Der junge Oberfeldwebel sieht seinen Kameraden an: „Lass uns aussteigen und nachsehen, bevor wir das Camp informieren und Verstärkung anfordern.“ Schließlich handelt es sich nur um einen harmlosen Verkehrsunfall, ist sich Tino Käßner sicher – ärgerlich, aber fast schon Routine. Auf afghanischen Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Kein Grund zur Sorge also. Tino Käßner öffnet die Tür und steigt aus. Als er sich umdreht, sieht er den weißen Toyota: Die Front ist völlig zerstört, aber das Auto fährt noch – auf ihn zu. Der Fahrer sieht ihn an. Direkt in die Augen. Grinst – und zündet.

Zwölf Kilo Sprengstoff zerreißen die Luft. Sekunden vergehen. Staub und Stille hüllen Tino Käßner ein. Er muss weg vom Fahrzeug! Robbt, weil er nicht aufstehen kann. Was ist mit seinem Bein? Ein Mann kniet neben ihm. Tino Käßner spürt Hände, die seinen Kopf halten, hört Worte, die ihn beruhigen wollen. Es sind die Worte eines Afghanen, der weiß, was er zu tun hat. Britische Soldaten kommen hinzu, legen den Verletzten auf eine Trage. „Ins Camp Warehouse, bringt mich ins Camp Warehouse.“ Doch die Briten schütteln den Kopf: „Das schaffst du nicht, du hast zu viel Blut verloren. Wir bringen dich in ein amerikanisches Lazarett.“

Eine halbe Stunde später liegt Tino Käßner auf dem Operationstisch. Noch immer ist er bei vollem Bewusstsein, warnt die amerikanischen Ärzte, die ihn ausziehen: „Vorsicht, ich trage eine geladene Waffe am Körper.“ Als deutsche Ärzte und Sanitäter hinzukommen, erkennt er ein bekanntes Gesicht. „Was ist mit meinen zwei Kameraden, liegen sie noch irgendwo da draußen?“ Der Sanitäter sieht ihm in die Augen: „Alles wird gut.“ Tino Käßner fällt ins Koma.

Er wird ins Camp Warehouse gebracht. Die ganze Nacht über sitzen Kameraden an seinem Bett. Sobald sein Zustand stabil ist, bringt ihn die „fliegende Intensivstation“ der Bundeswehr ins Militärkrankenhaus Koblenz.

Es ist ein grauer Sonntag im November. Das Krankenzimmer ist in milchiges Licht getaucht. Seit fünf Tagen liegt Tino Käßner nun schon im künstlichen Koma. Ein Krankenpfleger betritt das Zimmer. „Herr Chefarzt, wo bin ich? Was ist passiert?“ Tino Käßner ist gerade aufgewacht. Er fühlt sich noch ein bisschen benebelt, als er spürt, dass sein rechter Unterschenkel fehlt. Doch – es ist okay. Er hat überlebt! Das ist das Einzige, was zählt. Abgeschottet auf der Intensivstation für Brandverletzte in einem Seitenflügel hat nur seine Familie die Besuchserlaubnis. Ein Schutz vor der Presse, die vor dem Krankenhaus hofft, Details über das Attentat zu erfahren.

Den Monaten im Militärkrankenhaus folgen weitere in der Unfallklinik Murnau. Tino Käßner hat die Bundeswehr auf eigenen Wunsch verlassen.

Klettern, Langlauf, Mountainbiken mit Prothese – der Sport gibt ihm Halt, denn das Leben muss weiter gehen. Er knüpft Kontakte und erkennt sein Potenzial als Radrennfahrer im Leistungssport. Ein besonderes Geburtstagsgeschenk bekommt er von seiner Freundin – Antje macht ihm einem Heiratsantrag. Im nächsten Sommer wollen sie heiraten. In der Zwischenzeit leidet er immer wieder unter schmerzhaften Entzündungen und Pilzbefall seines Stumpfes. Zwei Wochen vor dem geplanten Hochzeitstermin muss er schließlich ins Krankenhaus. Als er die Schwestern der septischen Station fragt, wann er denn wieder rauskönne, erhält er eine ernüchternde Antwort: „Wir rechnen hier in Monaten, nicht in Tagen!“ Doch Tino Käßner kämpft: Weil sein Stumpf um das Doppelte angeschwollen ist, lässt er sich eine neue Prothese anfertigen. Und so steht er am 16. Juni 2006 aufrecht auf seinen eigenen Beinen vor dem Traualtar. Sogar einen Hochzeitswalzer kann er noch tanzen!

Tino Käßner sitzt im Skilift – braun gebrannt vom Trainingslager der Nationalmannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes auf Mallorca. Er hat große Pläne: Sein Ziel ist die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London – als Radrennfahrer. Gemeinsam mit Stefan Deuschl, seinem Kameraden, der bei dem Attentat in Afghanistan beide Unterschenkel verloren hat, steht er heute zum ersten Mal wieder auf Skiern – so wie sie es schon ihrem Arzt in Koblenz prophezeit haben: „Da werden Sie staunen, nächstes Jahr, im Winter 2007, fahren wir Ski!”

Mediengattung: Zeitschrift
Publiziert: ja
Medium: Schülerzeitung Innfloh
Wann: März 2009

4. Mai 2010

Schießbefehl

An der Grenze der Menschlichkeit

Ein ehemaliger NVA-Soldat berichtet

von Olivia Sardinas

Hildburghausen, 1969. Konrad Lehmann kauert im Schnee und lauscht in die Stille. Diensthund Max schmiegt sich an seine Beine, spendet Trost. Das Gewehr fest umklammert, wartet der junge Soldat auf ein Geräusch, eine Bewegung. Was, wenn tatsächlich jemand kommt? Starr vor Angst schließt er die Augen, denkt sich an einen anderen Ort. Auch heute ist seine Angst noch deutlich spürbar. 40 Jahre sind vergangen, seit er seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze verrichten musste.

Konrad Lehmann wohnt schon Zeit seines Lebens in Dresden. Wieso gerade er an die Thüringische Grenze berufen wurde, weiß er nicht. Der Grenzdienst beruhte nämlich nicht auf Freiwilligkeit, er zählte zum Pflichtwehrdienst. Wo ein Soldat eingesetzt wurde, erfuhr er erst, als der Wehrdienst begann. Obwohl die Möglichkeit bestand, den Einsatzposten abzulehnen, trat die Mehrheit der Männer den Dienst an der Grenze an. “Ich war damals erst 20 Jahre alt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Als Grenzsoldat bekam man mehr Sold und ich hatte eine Familie zu versorgen.”, begründet Konrad Lehmann seine damalige Entscheidung. Dass er sich dazu verpflichtete, seine Mitbürger an der Flucht in den Westen zu hindern, war ihm bewusst. Dass er dies auch Mithilfe einer Waffe tun sollte hingegen nicht.” Wir wurden angewiesen, auf die Beine des Flüchtlings zu zielen. Ich wollte unter keinen Umständen schießen”, sagt er.

Flucht mit Folgen

Doch nicht alle Grenzsoldaten zögerten, wenn es darum ging, den Schießbefehl auszuführen. Wie viele Menschen ihr Leben an der Mauer verloren ist unklar. Viele Flüchtlinge wurden erschossen. Andere ertranken beim Versuch, über die Ostsee in den Westen zu schwimmen oder fanden den Tod durch Landminen und Selbstschussanlagen. 13 Jahre lang – von 1971 bis 1984 – existierten etwa 55.000 dieser Anlagen. Sie waren an Metallzäunen montiert und feuerten Stahl- und Eisensplitter ab, wenn ein Draht berührt wurde. Die Flucht in den Westen stellte damals eine schwerwiegende Straftat dar, die mit allen Mitteln bestraft werden sollte. “Uns wurde eingebläut, die sogenannten Grenzverletzer unbedingt aufzuhalten”, bestätigt Konrad Lehmann die These. Wer den Schießbefehl absichtlich nicht befolgte, galt als Staatsverräter. War es also die Furcht vor den Konsequenzen, die die Soldaten zum Abfeuern ihrer Waffen zwang? “Ich bin mir sicher, dass niemand aus Überzeugung geschossen hat”, meint Lehmann.

Persönliche Grenzen und grenzenlose Träume

Ob auch er im Falle eines Falles geschossen hätte, weiß er nicht. “Es wäre zu einfach diese Frage zu verneinen”. Glücklicherweise kam er nie in eine Situation, die diese Entscheidung erfordert hätte – und das, obwohl er jeden Tag acht Stunden lang auf Streife war. Eine Festnahme oder einen Schuss hätte er sich nie verzeihen können. “Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und Freiheit”, sagt er bestimmt. “Außerdem konnte ich die Menschen verstehen. Ich wollte ja auch abhauen”, fährt er zaghaft fort. Die Hoffnung, in einem unbeobachteten Moment in den naheliegenden Wald fliehen zu können, begleitete ihn jeden Tag – ebenso wie ein Unteroffizier oder ein Gefreiter. “Wir zogen nie alleine los. Das Postenpaar wurde täglich neu gebildet. Wer mit wem auf Streife ging, erfuhr man erst kurz vor Dienstbeginn”, erklärt der heute 60-jährige. “Auf einen unbeobachteten Moment wartete ich also vergebens”.

Wie jeder Grenzsoldat, kehrte auch Konrad Lehmann nach anderthalb Jahren heim. “Ich hatte zwar während meiner Dienstzeit den einen oder anderen Kurzurlaub, aber als ich endlich für immer zurückkehren konnte, weinte ich vor Freude”, erzählt er beinahe flüsternd. Grenzer waren ganz normale Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne. Das wird mir in diesem Moment klar. Sie verrichteten ihren Wehrdienst und taten damit ihre Pflicht. Dennoch werden sie noch heute genau dafür verurteilt. Dass der Schießbefehl in keinster Weise vertretbar war, weiß Konrad Lehmann. Und auch, dass es leicht ist einen Schuss zu verurteilen, wenn man selbst nicht an der Grenze stand. Darum fordert Lehmann die Menschen dazu auf, sich über die Hintergründe zu informieren, um sich in die Lage eines Grenzers hineinzuversetzen zu können.

Als Grenzsoldat hatte man einen harten Job. Die Schießbedingungen waren miserabel. Mitten in der Nacht auf die Beine einer Person zu zielen, die sich im Wald versteckt, ist gewiss nicht einfach. Sicherlich hätte in solch einer Situation überhaupt kein Schuss fallen dürfen – aber um das beurteilen zu können, muss man selbst einmal den Druck einer Diktatur gespürt haben. Binnen Sekunden musste entschieden werden, ob man schießt oder Gefahr läuft, selbst verletzt zu werden. Auch Grenzer wurden erschossen. Werner Weinhold, der 1975 zwei Soldaten tötete, ist nur ein Beispiel dafür. “Wir waren doch alle Marionetten des Systems”. Mit diesen Worten schließt der ehemalige Grenzer seinen Augenzeugenbericht ab. Hoffentlich ist all dies für immer vorbei.

Mediengattung: Internet
Publiziert: ja
Medium: www.reporter89.de
Wann: 19.02.2009

4. Mai 2010

Gelähmt

Sich anpassen – ja, unterkriegen lassen – nein

von Nadja Friedl

21,19 Meter. Mit dieser Weite holte Frances Herrmann bei den Paralympics in Peking die Silbermedaille im Diskuswerfen. Inzwischen liegt ihr Erfolg mehr als ein Jahr zurück – wie hat sich das Leben der spastisch gelähmten Sportlerin dadurch verändert?

„Direkt nach Peking war die Medienresonanz riesengroß“, erinnert sich Frances und erzählt von vielen Preisverleihungen und Interviews. Bundespräsident Horst Köhler überreichte ihr mit dem silbernen Lorbeerblatt die höchste deutsche Sportauszeichnung. „Das war der Moment, der für mich am bewegendsten war, weil ich Horst Köhler schon in Peking kennengelernt hatte. Er hatte sich dort ausgerechnet mein Zimmer angeschaut und sich auch Zeit genommen und mit mir unterhalten“, erzählt sie. War diese Ehrung ihr schönstes Erlebnis, das sich durch den Medaillengewinn ergeben hat? Frances überlegt einen Moment. „Nein, ich glaube, das schönste ist für mich, dass ich das Gefühl habe, den Sport vorangebracht zu haben. Ich war die erste behinderte Sportlerin an der Cottbuser Sportschule. Wenn das mit mir nicht funktioniert hätte, hätte es keinen zweiten Versuch gegeben. Aber durch meinen Erfolg habe ich anderen Athleten den Weg geebnet, die jetzt ebenfalls dort trainieren und lernen können.“

Ihr eigener Weg an die Sportschule war alles andere als leicht. „Bei meiner Geburt wurde das Kleinhirn mit Sauerstoff unterversorgt. Dort werden alle Informationen für die Bewegungen gesteuert, bei mir können diese Infos nicht gleichmäßig an die Körperhälften weitergeleitet werden. Außerdem wird die rechte Körperseite unterversorgt, das sieht man auch“, sagt sie und krempelt mit der linken Hand den rechten Ärmel ihres weißen Pullovers nach oben. „Das ist alles dünner. Mit der linken Hand kann ich mich ganz gut bewegen, aber hier nicht.“ Trotz ihres Handicaps ging sie zuerst auf eine Grundschule, wechselte aber dann auf eine kooperative Schule. „Es lag nicht an meinen Leistungen. Ich wurde gemobbt.“ Mit zwölf nahm sie zum ersten Mal am Sportunterricht teil. „Man hat mir erzählt, dass ich am Anfang ziemlich genervt war. Ich war es einfach nicht gewöhnt“, sagt sie lachend. Eines Tages besuchte ein Trainer den Sportunterricht, um den Nachwuchs zu sichten. Er schlug Frances vor, einmal das Kugelstoßen oder Diskuswerfen zu probieren. Sein Urteil stand schnell fest: „Also, wenn aus dir mal was wird, dann ein Diskuswerfer.“

„Der schaut sich das fünf Minuten an und will wissen, was ich am besten kann?“, fragte Frances sich damals. „Heute weiß ich, dass er dafür einen geschulten Blick hat“, lacht die 20-Jährige. Erfolgserlebnisse bei Wettkämpfen spornten sie an, weiterzumachen. Nach der zehnten Klasse stellte sich für sie die Frage, wie es weitergehen soll. „Ich hatte einen Ausbildungsplatz, aber dann wäre für den Sport keine Zeit mehr gewesen“, sagt die Lausitzerin. Sie schaffte den Sprung an die Cottbuser Sportschule. „Ich war die erste, die einzige Behinderte. Am Anfang war es hart, alle haben auf mich geschaut und gezweifelt, ob ich es schaffe“, erzählt sie. „In der elften Klasse habe ich ein halbes Jahr gefehlt, weil ich eine Knochenentzündung hatte. Aber ich habe mich durchgebissen. Wenn die anderen merken, dass man es wirklich will, dann helfen sie einem auch.“

Auch um ihren Alltag zu meistern, braucht Frances Hilfe. „Beim Schuhe anziehen“, fällt ihr sofort ein. „Es gibt viele Sachen, wo ich Probleme habe, aber das kriegt eigentlich außer meinen Eltern und meiner Oma keiner mit. Man richtet sich da ein.“ Dass die Entscheidung, einen Gehandicapten anzusprechen oder nicht für Außenstehende schwierig sein kann, versteht Frances. „Aber ich mag es nicht, wenn Leute nur gucken. Dann sollen sie mich lieber direkt fragen.“ Taktlose Kommentare kommen selten vor. „Aber sie bleiben hängen. Wenn ich mittags um zwölf gefragt werde, ob ich besoffen bin, weil ich so torkele…“ Sie spricht ihren Satz nicht zu Ende.

Der Medaillengewinn hat ihr Kraft gegeben. Sie hat nun einen Laufbahnberater an ihrer Seite, der sie unterstützt, Studium und Sport zu verbinden. „Ich werde auch oft angesprochen und hatte sogar Autogrammkartenanfragen“, erzählt sie. Weil sie auf diese Wünsche gar nicht vorbereitet war, verschickte sie unterschriebene Fotos. Es ergaben sich natürlich auch Verpflichtungen. Zum Beispiel muss sie der Dopingbehörde immer genau mitteilen, wo sie sich aufhält.

Ihr nächstes Ziel ist die Weltmeisterschaft 2011 in Neuseeland. „Ich würde schon gern Weltmeister werden“, sagt Frances und lacht. Ob sie überhaupt im Diskuswerfen antreten kann, steht aber noch gar nicht fest, die Disziplin wurde vorerst gestrichen. „Ich verstehe das nicht, wir sind genügend Teilnehmer. Aber solange ich die Chance habe, mich durch das Kugelstoßen zu qualifizieren, werde ich das natürlich versuchen.“ Dass sie sich anpassen muss, ist Frances gewohnt. Unterkriegen lässt sie sich aber nicht. „Vielleicht müssen wir vor das Sportgericht ziehen. Mal sehen, was kommt.“