„Ey, du scheiß Jude!“
Antisemitismus in Deutschland im Jahre 2010
28. Januar 2010, zunächst ein gewöhnlicher Schultag, doch auf Sarahs Heimweg passierte etwas Furchtbares, das für sie unbekannt und doch bekannt war.
„Ey, du scheiß Jude! Verpiss dich, das ist mein Platz!“, wurde Sarah von einem blonden Jugendlichen mit düsterer Miene und erhobenem Zeigefinger im Bus angeschrieen. Er und seine drei köpfige Crew, die er im Schlepptau hatte, starrten sie voller Verachtung und Missbilligung an.
Sarah ist eine jüdische Jugendliche (16), die ein Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf besucht. Ihre Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion und sind Anfang der 90er Jahre nach Berlin umgezogen. Sarah selbst ist in Berlin geboren worden. Sie ist ein schüchternes, sich zurückhaltendes Mädchen, nicht besonders groß, zierlich mit großen grünen Augen und braunen Locken bis zu den Schultern.
Ihr Umfeld ist konfessionsgemischt. Von christlich über jüdisch bis hin zu islamisch ist alles dabei. Ihr bester Freund kommt aus Nigeria und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Sarah hat sich nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, dass er farbig ist, weil er noch nie in rassistisch bedingte Konflikte geraten ist.
Die schüchterne Sarah stand vollkommen unter Schock, spürte ihre eigenen Körperteile nicht mehr und brachte keinen Ton heraus. Sie saß einfach nur da und hoffte in ihrem tiefsten Inneren, dass ihr jemand helfen würde. Selber nach Hilfe fragen, so wie sie es gelernt hatte, ging in diesem Moment nicht, erzählt sie. Sekunden, die ihr wie Stunden ja sogar wie Jahre vorkamen, vergangen und nichts passierte. Weder die vier Jugendlichen sagten etwas, noch sonst irgendjemand. Doch leider blieb es nicht bei dieser Stille. Die Jungs schrieen sie erneut an: „Sag mal, hörst du etwa schlecht, oder was?! Ich sagte du sollst abhauen!“ Einer aus der Bande, der entsetzlich nach Rauch stank und eine schwarze Cappy mit passendem Sportanzug trug, deutete aus Sarah und grölte: „Weißt du auch warum? Du bist ein dreckiges Judenschwein!“ Wiederum ein anderer, an den sie sich nur blass erinnert sagte grinsend: „Ja genau und du hast es nicht verdient hier auf unseren Plätzen zu sitzen! Das sind nämlich deutsche Plätze!“ Der letzte aus der Runde mit einer modernen Röhrenjeans und Kapuzenpulli fügte ziemlich gelassen hinzu: „Wieder ein Tag an dem man merkt, dass zu wenig Juden vergast worden sind. Man sollte sie eben doch alle umbringen.“
Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich Sarah keinen Zentimeter bewegt, sie ist sich nicht mal sicher, ob sie geatmet hat. Sie hat sich vom ganzen Herzen gewünscht aufzustehen, doch ihre Beine spielten nicht mit. Die ersten Tränen kullerten über ihre Wangen. Einer der Jungs packte sie am Arm und zerrte sie von ihrem Platz weg. Dabei stieß sie gegen eine Stange und blutete leicht, was sie erst später bemerkte und ihr ziemlich egal war. Sie pöbelten erneut und schrieen „Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir mit euch Wertlosen vorhaben!“
Niemand reagierte. Sie war immer noch auf sich alleine gestellt.
In der nächsten Sekunde war sie froh, dass ihre Beine stand hielten und, dass sie fähig war zur Tür zu rennen. Ohne großartig zu überlegen drückte sie wie ein wildgewordenes Tier den Stoppschalter um der Höllenfahrt ein Ende zu bereiten, erzählt sie mit schluchzender Stimme und Tränen in den Augen. „Endlich hielt der Bus“ und sie sprang hinaus „in die Freiheit“, zurück in ihr normales Leben.
Aufgelöst rief sie ihre Mutter an und stotterte „Mama, hol mich am Mierendorfplatz ab – wichtig – schnell – jetzt – abholen.“ Innerhalb weniger Minuten kam ihre Mutter angerast, weil sie die Dringlichkeit verstanden hatte und nahm ihre Tochter in den Arm. „Sie hat mich noch nie in solch einem Zustand gesehen – niemand.“ Sie fuhren nach Hause, versorgten die Wunde und dann erzählte Sarah, immer noch gelähmt von den Ereignissen, was passiert war.
Die Höllenfahrt hat sich in ihrem Kopf eingebrannt, zwar kann sie mittlerweile damit umgehen und hat keine Angst mehr alleine Bus zu fahren, aber sie trägt keinen Davidstern (Symbol für das Judentum) mehr in der Öffentlichkeit, weil er sie „verraten hat“. „Das heißt nicht, dass meine jüdische Identität und Religion mir weniger wichtig sind als vorher oder, dass ich sie leugne, im Gegenteil ich stehe noch stärker hinter dem Judentum.“
Wo waren die anderen Fahrgäste? Warum hat keiner etwas gesagt, die Polizei oder den Busfahrer verständigt? Keine Menschenseele hat ihr geholfen. Nicht einmal als sie verletzt war. Was hätte noch passieren müssen, bis jemand Zivilcourage gezeigt hätte?
Sarah wurde körperlich, aber vor allem psychisch verletzt. Genau wie viele Juden vor ihr.
Ein Tag nach dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die reinste Tragödie!
Müssen Sarah und alle anderen in Deutschland lebenden Juden Angst vor ihrem zukünftigen jüdischen Leben hier haben?
Muss so etwas passieren, dass Deutschland aufwacht und merkt, dass es Arbeit gibt?











