> Stil-Regel Nr. 1: Schau dem Volk aufs Maul!
Als Luther seine Bibelübersetzung fertigte, tat er genau das: Er ließ sich von der kraftvollen Sprache, die ihn im Alltag umgab, zu den Bildern und Wendungen in seinem Übersetzungstext der Heiligen Schrift inspirieren. In den Stil-Lehren von Reiners über Süßkind bis Schneider findet sich durchgängig der Hinweis auf die Kraft der urtümlichen Sprache.
In der Praxis heißt das schlicht: Weg mit Abstraktionen, Blähungen, Phrasen – und her mit klaren, prägnanten Nomen und Verben.
> Stil-Regel Nr. 2: Sei deinem Leser ein treuer Übersetzer!
Lass Dich nicht von Lobbyisten-Phrasen einlullen, nicht von hochgestochenem Wissenschaftlergesülze aufs Glatteis führen – und vor allem: Tu das auch mit Deinem Nutzer nicht! Der erwartet vom Journalisten redliche Informationen – und nicht das ungeprüfte Abschreiben einer Pressemitteilung mit einseitigem Interesse. Also schreiben wir über das Atomkraftwerk und nicht über das Kernkraftwerk. Also berichten wir über den größten anzunehmenden Unfall in Tschernobyl – und nicht, wie von interessierter Seite tagelang versucht, von einer „Havarie“ (oder haben Sie schon einmal eine Fabrik auf ein Riff auflaufen sehen?). Und wir schreiben ebensowenig von der – von den Nazis gerne so als solche verharmlosten – „Reichskristallnacht“, sondern von der Progromnacht, in der die braunen Horden den kalten Hauch des Holocaust vorwegnahmen.
> Stil-Regel Nr. 3: Schreib präzise, klar und kraftvoll.
Präzise und klar heißt: Um das richtige Hauptwort kämpfen. Nicht den übergeordneten Begriff, sondern immer das noch besser passende Wort suchen und verwenden. Ist der Ort des Geschehens kleiner als eine Stadt, dann ist es vielleicht ein Dorf. Ist er kleiner als ein Dorf, könnte es eine Siedlung sein. Und wenn selbst das noch zu groß erscheint, hilft uns immer noch das Wort Hof aus der Patsche.
Kraftvoll wird Sprache durch mutige Bilder, starke Verben, leicht paradoxe Kombinationen, die unsere Vorstellungswelt packen und ein wenig durcheinanderrütteln, ohne zu verstören. So etwas erzeugt Interesse: „Sie sommerten und winterten sich in der Welt ein“ schrieb einst Johann Gottfried Herder über den Anpassungskampf der ersten Menschen auf unserem Planeten. Ein Satz, über 200 Jahre alt. Und dabei so kraftvoll und frisch wie gerade erst geschrieben.









